Gehirn, Geist und GEWAHRSEIN

Das dualistische Grundproblem und wie es zu überwinden ist

Auf den Seiten Was ist Bewusstsein? und Wer oder was bin ich? habe ich einige Impulse gegeben, wie aus dem menschlichen Potential des GEWAHRSEINS das Bewusstsein entsteht und in der weiteren Folge damit auch unser Ich oder Selbst. Und nun geht es hier zunächst um die Fragen, wie im Bewusstsein eine Welt erscheint und welche Forschungsergebnisse der Neurowissenschaft hierzu ihren Beitrag leisten. Ein weiterer Punkt ist der, wie GEWAHRSEIN damit in Zusammenhang steht und wie Neurowissenschaftler heute eine Erklärung für die Phänomene suchen, die z.B. Meditierende und Menschen mit aussergewöhnlichen Bewusstseinszuständen erfahren und/oder GEWAHRSEIN realisiert haben.

Und damit sind wir auch beim Thema Dualismus, denn Naturwissenschaftler und Philosophen nehmen hier sehr unterschiedliche Positionen ein. Die Naturwissenschaft bevorzugt eine Erklärung der Welt aus der Materie bzw. Biologie, die Philosophie aus dem Geistigen. Auch in der Hirnforschung findet sich dieser vermeintliche Konflikt wieder: Das materielle Gehirn generiert Bewusstsein und in diesem Bewusstsein erscheint uns eine äussere und innere Welt, die sich auf Nervenimpulse zurückführen lässt. Dem widersprechen Philosophen, die damit argumentieren, dass die Welt, die uns im Bewusstsein erscheint eine Manifestation des Geistes ist (Idealismus). Und die dadurch aufgeworfenen Fragen des Geist-Materie-Problems sind schon alt und flammen immer wieder bei Diskussionen über die Realität auf. Dieser Dualismus kann nur durch eine integrale und nondualistische Sicht beseitigt werden, denn der Dualismus erzeugt das Problem. Es existiert nicht, wenn man von einer Gesamtwirklichkeit des Lebens ausgeht, denn diese umfasst immer beide Aspekte.

Es ist dabei so wie bei EINER Münze, die eine Vorder- und Rückseite hat. Diese können zwar unterschieden werden, lassen sich aber nicht wirklich trennen. Wenn man es dennoch versucht, entstehen daraus nur zwei weitere Teile, die wieder zwei Seiten haben usw. So setzen sich die Irrtümer und Probleme nur fort, die durch diese Trennung vom Menschen selbst erzeugt werden. Es ist offenbar schwer zu akzeptieren, dass wir und die Welt - Materie und Geist eine Einheit sind.

In der frühindischen Samkhya-Philosophie werden die zwei Seiten oder Pole einer einzigen Wirklichkeit Purusha (der wahre Mensch) und Prakriti (die Manifestationswelt). Wobei die Prakriti in zwei Formen gedacht wird: potentiell, noch nicht manifest und manifest, in Erscheinung tretend.

Die Konstruktion unserer Realität

Betrachten wir die Gesamtwirklichkeit: wenn Sie als ein leibliches und bewusstes Wesen am Meer stehen, nehmen Sie je nach Grad Ihrer Aufmerksamkeit und Offenheit immer beide Aspekte zugleich wahr. Sie sind sich Ihrer leiblichen Existenz bewusst und zugleich auch Ihrer Präsenz als ein mit Bewusstsein begabten Wesens. Zudem vermeinen Sie aus den Sinneseindrücken eine äussere Welt wahrzunehmen. Einige Forscher der Neurowissenschaft nehmen an, dass es eine von uns unabhängige Welt - und auch die inneren Erfahrungen von Gedanken, Gefühlen, Empfindungen - so nicht gibt, sondern dass sie durch einen höchst komplizierten Selektionsprozess in unserem Nervensystem konstruiert werden. Wir nähmen nicht eine unabhängige Wirklichkeit wahr, sondern nur ein Konstrukt, ein Bild, Modell oder eine Repräsentation.

Die Konstruktion von Wirklichkeiten erfolge so schnell, dass wir sie nicht bemerken. Und das sei auch gut so, denn sonst hätten wir kein so festes Bild von der Welt und würden sie als ein ständig wechselhaftes Pulsieren erleben und auch nicht als die Einheit, wie wir sie gewöhnlich erfahren. Sie würde sich in zahllose Lichtpunkte, eine Unzahl von Tönen, von nicht identifizierbaren Gerüchen, Geschmacksrichtungen und Tastempfindungen auflösen. Wir würden unseren Körper nicht mehr als gebunden im Raum und in der Zeit erleben und in der wirklichen Welt handlungsunfähig sein. Im Traum oder in der Trance können wir das z. B. erleben, denn darin sind unsere Kontrollsysteme ausgeschaltet. Oder psychoaktive Substanzen verändern unsere gewöhnliche Wahrnehmung und lassen vorübergehend eine "andere Realität" entstehen.

Die Vorstufen der Weltkonstruktion können auch durch einen Hirnschlag erlebt werden, wenn die Hirnzentren beeinträchtigt werden, die das Bild der Realität erzeugen. Oder durch Stimulationen des Gehirns mittels eingeführter Sonden. Auch durch Meditation, Visualisation oder Extremsport, wie z.B. Jumping, können veränderte Bewusstseinszustände hervorgerufen werden.

Naturwissenschaftler lehnen im Allgemeinen die Postulate von Transzendenz ab, und anerkennen meist nur die biologischen Grundlagen für die Entstehung von Bewusstsein und Geist. Das ist einseitiger Reduktionismus, der nicht berücksichtigt, dass es durchaus auch umgekehrt sein kann. Die beobachteten Phänomene werden häufig als Resultate und Korrelate von neuronalen Vorgängen gehalten, statt umgekehrt, dass alle Phänomene zuerst immer Inhalte der Wahrnehmung sind.

Für Thomas Metzinger, der sich um den Dialog zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft bemüht, ist Transzendenz jene Unsichtbarkeit des Vorgangs, wie wir die Welt im Kopf nach aussen verlagern. Der Hirnforscher Gerhard Roth gab darauf die Antwort: "Sie kommt nicht nach draussen, sie verlässt das Gehirn gar nicht." Die Wahrnehmung wird zu einer physiologischen Illusion. Oder wie es Francis Crick formuliert hat: "Was Sie sehen, ist nicht, was wirklich da ist; es ist das, wovon Ihr Gehirn glaubt, es sei da." Was wir wahrnehmen sind nicht die Dinge selbst.

Neues Denken - neues Gehirn?

Andere Forscher denken, dass nicht Sinnesdaten aus der äusseren Welt vom Gehirn interpretiert und zu einem Bild konstruiert werden, sondern das Gehirn sei ein Organ, das unsere Beziehung zur Welt, zu anderen Menschen und uns selbst vermittelt. Im Gehirn bilden sich Strukturen aus, die für unsere Existenz, unsere sozialen Beziehungen und die Umwelt wichtig und nötig sind. Und weil es diese entwickelten Strukturen gibt, nehmen wir bestimmte Perspektiven ein, selektionierten automatisch unsere Wahrnehmungen und sehen die Dinge deshalb so, wie wir sie kennen. Dieser Prozess fängt schon im Mutterleib an und setzt sich schon in der frühen Kindheit ziemlich fest.

Insofern stimmt dieser Prozess auch mit dem Evolutionsgedanken überein, weil die Strukturen des Gehirns auch Spiegelbilder der evolutionären Entwicklung sind: zuerst hat sich das Stammhirn gebildet, dann das limbische System und noch viel später das Grosshirn. Auch die Gene sind Teil dieser Entwicklung zu immer mehr Komplexität. Die Prozesse, die diese Gene aus- und einschalten, werden heute in der noch jungen Wissenschaft der Epigenetik erforscht.

Es ist also denkbar, dass ein neues Denken, ein Andersdenken durchaus neue Strukturen im Gehirn bilden kann und damit auch das Selbst- und Weltbild des Menschen verändert wird. Das bringt uns nun an die Frage heran, ob nicht auch GEWAHRSEIN als nicht realisiertes Potential des Menschen Strukturen im Gehirns hat, die nur noch nicht entdeckt und zur vollen Reife entwickelt worden sind.

James H. Austin, ein klinischer Neurologe, emeritierter Professor der Universität von Colorado und Missouri beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit der Erforschung der Zen-Meditation und seiner Interaktion mit dem Gehirn und fasst seither die Grundlagen und neuesten Erkenntnisse in vielen Publikationen zusammen. Die Transformation des Bewusstseins zum GEWAHRSEIN ist eines seiner Hauptanliegen und er verwendet statt Erleuchtung, Erwachen usw. dazu den Begriff "Selbstlose Einsicht".

Auch Daniel J. Siegel, der mit anderen Forschern am UCLA-Forschungszentrum Studien über die Achtsamkeits-Meditation durchführt, kommt in seiner "Interpersonellen Neurobiologie" zu dem Schluss, dass durch dieses Training Strukturveränderungen im Gehirn zu beobachten sind. Achtsamkeitsmeditation verstärkt genau die Schaltkreise, die an Einsicht und Empathie beteiligt sind. Er beschreibt, wie Achtsamkeitsübungen mit der Zeit nicht nur zu einer grösseren Achtsamkeit im Leben führen, sondern zu einer Seinsweise werden. Seiner Ansicht nach wird der Geist nicht vom Gehirn erschaffen, sondern der Geist nutzt das Gehirn, um sich selbst zu erschaffen.
Bekannt geworden sind auch die Forschungen des Molekularbiologen Matthieu Ricard, der inzwischen buddhistischer Mönch geworden ist. Er hat mit dem Direktor des Max-Planck-Institutes für Hirnforschung, Wolf Singer, Gespräche über die Hirnforschung und Meditation geführt.

Fazit: Die Neurowissenschaft ist auf dem besten Wege erhellende Impulse für die Zukunft eines neuen Weltbildes zu liefern, das GEWAHRSEIN mit zur Grundlage des Lebens macht.

StartseiteImpressumKontakt