Was ist Bewusstsein?


Das Bewusstsein ist für die Wissenschaft immer noch ein Rätsel

Über die Entstehung von Bewusstsein sind schon viele Theorien entwickelt worden. Auch in der Kognitionsforschung und Neurowissenschaft laufen im Moment zahlreiche Projekte, die die Grundlagen erforschen, wie z.B. das Bewusstsein entsteht und welcher Entwicklung es beim Menschen unterliegt. Es sind faszinierende Themen, die hier angesprochen sind: Von den Bewusstseinsstörungen über die Bewusstseinsevolution in der Menschheitsentwicklung bis hin zu den Fragen der Beeinflussung des Bewusstseins durch Designerdrogen und die Erzeugung von Künstlicher Intelligenz.

Susan Blackmore hat in Ihrem Buch "Gespräche über Bewusstsein" zwanzig Interviews mit der Crème de la Crème der Bewusstseinsforschung veröffentlicht. Thomas Metzinger hat in seinem Band "Bewusstsein - Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie" ebenso viele Autoren zu Wort kommen lassen, die das Thema Bewusstsein erhellen sollen.

In der Informations-Integrations-Theorie des Neurowissenschaftlers Giulio Tononi entsteht Bewusstsein durch die Kapazität des Gehirns Informationen zu integrieren. Diese Informationen können nur die Schwelle des Bewusstseins erreichen, wenn einen gewissen Grad an Intensität und Differenzierung gewonnen haben. Sonst bleiben sie unbewusst.

Doch es gibt bislang keine schlüssigen Antworten und übereinstimmenden Aussagen. Mich hat das Thema immer brennend interessiert. Und vor allem war mir aufgefallen, dass sich kaum einer der vielen Autoren und Autorinnen näher mit dem Phänomen des GEWAHRSEINS im Verhältnis zum Bewusstsein beschäftigt hat, so als klammerten sie alle diese Erfahrungen und Berichte aus, die in den spirituellen Traditionen der Weltkulturen seit Jahrtausenden existieren. Diese Erfahrungen wurden leider meist in die esoterische Ecke gestellt, so als seien sie nicht ernstzunehmen.

Zwischenzeitlich entwickelten sich von den USA ausgehend neue Richtungen in der Psychologie, die sich dieser Themen angenommen haben. Seit 2011 hat die Zeitschrift "Transpersonaler Psychologie und Psychotherapie" ihren Haupttitel geändert - "Bewusstseinswissenschaften" - und markiert damit einen neuen Meilenstein der Entwicklung und Forschung über das Bewusstsein. Das ist sehr zu begrüssen. Aus meiner eigenen Erfahrung möchte ich dazu einige Impulse geben, wie notwendig es ist, von den in den Neurowissenschaften verfolgten reduktionistischen Ansätzen - das Gehirn erzeuge das Bewusstsein - wegzukommen und den Blick auf das Prinzip des GEWAHRSEINS zu lenken.

Der Unterschied von GEWAHRSEINund Bewusstsein

In der Alltagssprache machen wir in der Regel keinen Unterschied zwischen Gewahrsein und Bewusstsein und verwenden diese Ausdrücke fast synonym. Diese mangelnde Unterscheidung ist für eine Reihe der Probleme verantwortlich, warum GEWAHRSEIN nicht realisiert wird. Wir sagen einmal schnell "mir wurde gewahr, dass..." oder "mir wurde bewusst, dass...". In der englischen Sprache macht man den Unterschied von "Consciousness" und "Awareness", was schon eine unterschiedliche Akzentuierung ist. Bewusst zu sein bedeutet für die meisten Menschen einfach "wach" zu sein, also nicht zu schlafen oder im Koma zu liegen. Wenn uns Abläufe nicht zu Bewusstsein kommen, sagen wir, dass sie unbewusst sind.

Um GEWAHRSEIN von Gewahren und Wahrnehmung zu unterscheiden, schreibe ich es hier in Grossbuchstaben, damit keine Verwechslungen entstehen. GEWAHRSEIN ist ein SEIN - eine Präsenz - und nicht eine aktive Tätigkeit oder ein Vorgang in der Zeit. So ist Zeitlosigkeit ein Kennzeichen von GEWAHRSEIN.

Heute sind sich die meisten Wissenschaftler darüber einig, dass ein Bewusstsein zu haben bedeutet, dass wir eine Wahrnehmung haben, sei es von den Reizen aus der Umwelt, die dazu führen, dass uns eine Welt im Bewusstsein erscheint, oder sei es, dass wir eine innere Welt haben, die uns bewusst wird. In beiden Fällen ist es ein bestimmtes Erleben. Es fühlt sich immer in einer bestimmten Weise an und ist mit unserem Ich oder Selbst verbunden. Wenn wir uns der Erscheinung einer äusseren oder inneren Welt bewusst werden, entstehen wir gleichzeitig als Beobachter oder Subjekt (das "mich") dieser Wahrnehmung. Und damit entsteht auch gleichzeitig der ganze leidige Dualismus, der Trennung von Körper und Geist oder das Materie-Geist-Problem.

Hier haben wir dann auch den ersten wichtigen Unterschied von Bewusstsein und GEWAHRSEIN: Bewusstsein ist immer mit einem Subjekt verbunden, das als Beobachter erscheint, GEWAHRSEIN ist völlig selbstlos. Als Beobachter erscheinen im Bewusstsein die Objekte seiner Beobachtung. Wenn Sie auf das Meer blicken und mit allen fünf Sinnen wahrnehmen, sind Sie das Subjekt. Sie schauen auf das Meer, die Wolken, durch das Loch im Felsen. Sie entscheiden sich, ob Sie sich in den Sand legen oder weitergehen. Sie hören das Lachen oder Schreien der Kinder, spüren die trockene Luft auf Ihrer Haut usw. Oder Sie sind nur wenig aufmerksam und bemerken dies alles nicht. Sie sind dann in einem inneren Dialog mit sich selbst oder mit vorgestellten Personen. Dann werden Sie sich der Umwelt nur wenig bewusst und Ihr Bewusstseinstunnel ist sehr eng. Im "reinen" GEWAHRSEIN ist das persönliche Selbst und seine Wahrnehmungen nicht mehr präsent, aber ein GEWAHRSEIN von Existenz oder Sein ist immer noch da. Es wird deshalb auch zwischen "Reinem Gewahrsein" als alleinige Präsenz und GEWAHRSEIN als Präsenz mit allen Inhalten unterschieden. Es wird eine zukünftige Aufgabe der Forschung sein, dies alles genauer zu untersuchen und die Prozesse zu verstehen.

Der zweite wichtige Unterschied von GEWAHRSEIN und Bewusstsein besteht also darin, dass GEWAHRSEIN grundlegend und unabhängig von den wechselnden Zuständen des Bewusstseins ist. GEWAHRSEIN bleibt auch dann erhalten, wenn die betreffende Person träumt, schläft oder in tiefer Meditation ist. Auf der Seite Was ist Erleuchtung werde ich diesen Unterschied als wichtiges Kriterium zur Beurteilung von Erleuchtungserfahrungen heranziehen.

Fazit: GEWAHRSEIN ist ein grundlegendes Potential und Prinzip des Lebens.
Ohne GEWAHRSEIN gäbe es kein Bewusstsein.
Bewusstsein und GEWAHRSEIN müssen scharf unterschieden werden.

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