Gurus oder Menschenfänger?

Licht und Schatten von Gurus

Das Wort Guru stammt aus der alten indischen Sanskritsprache und bedeutet soviel wie "Anrufer" oder "Erwecker", womit ein Lehrer bezeichnet wird, der Menschen zur Erleuchtung oder zum Erwachen anregt und dabei beratend und begleitend zur Seite steht. Die Silbe gu bedeutet "Dunkelheit/Unwissenheit" und ru "Vernichtung". Ein Guru ist also jemand, der die Dunkelheit und Unwissenheit vertreiben kann.

Das Wort Guru hat im Sanskrit auch die Bedeutung des Planeten Jupiter, der im Kundalini-Yoga dem Stirnchakra zugeordnet ist. In der Astrologie hat Jupiter die Entsprechung von Einsicht und Weisheit. In bestimmten Traditionen hat man die Auffassung, dass ein Guru durch seine Berührung des Stirnchakras die Weisheit hervorrufen kann. Auch werden die Praktizierenden angeleitet, sich in der Meditation auf das Energiezentrum zwischen den Augenbrauen zu konzentrieren.

In Indien ist auch heute noch Tradition, dass eine Familie ihren persönlichen Guru hat, der für die spirituelle Entwicklung der Familienangehörigen verantwortlich ist. Gurus leben meist als Vorsteher in Ashrams, das sind die Rückzugsorte und Zentren spiritueller Unterweisungen und Orte für Studien und Meditationen.

Als der Yoga im Westen bekannt wurde reisten viele Menschen in ihrer Suche nach echter Spiritualität und Erleuchtung nach Indien, um dort einen Guru zu finden. Später kamen die Gurus auch selbst in den Westen. Bereits 1893 trat Swami Vivekananda in Amerika am Weltparlament der Religionen auf. Er war ein Schüler von Ramakrishna und gründete später die Ramakrishna-Mission.

Bis in die heutige Zeit hinein gab es unter den Gurus auch immer wieder einige spektakuläre Gestalten, die Schülerinnen und Schüler finanziell, sexuell und emotional missbrauchten. Und ihre oft als "geheim" ausgegebenen Lehren sind bei näherer Betrachtung recht banal und sind schon in alten Schriften nachzulesen. Solche Gurus verführen Menschen oft dazu ihre sozialen Kontakte und ihre Arbeit aufzugeben, sich vegetarisch zu ernähren und zölibatär zu leben. Sie bezeichnen die Welt und das Ich als unrealistische Illusion. Sie machen Menschen abhängig und gefügig, die dann als Missionare in die Welt gehen, um für Anhänger zu werben. Immer wieder berichten die Medien davon und die Justiz beschäftigte sich mit ihren Vergehen. Dadurch sind Gurus vielfach suspekt geworden und in Verruf geraten. "Guru" gilt heute bei einigen als Schimpfwort für Menschen, die bei anderen Abhängigkeiten hervorrufen, als Heilsversprecher auftreten oder als Sektenführer mit fundamentalistischen und ideologischen Ansprüchen.

Von links nach rechts: Ramanmaharshi, Maharishi Mahesh Yogi, Bhagwan (Osho), Saint Kirpal Singh und Da Free John

Authentizität - Kompetenz - Integrität - Transparenz

Nur wenn Gurus oder spirituelle Lehrerinnen und Lehrer wirklich kompetentes Wissen und Erfahrungen mit GEWAHRSEIN, Erwachen oder Erleuchtung haben, können sie authentisch, integer und offen sein. Viele von ihnen sind aber oft nur Vertreter einer bestimmten spirituellen Tradition wie z.B. Advaitavedanta, Jainismus, Buddhismus, Sufismus, Zen oder andere mystische Schulen. Sie sind meistens Kenner traditioneller Schriften (Pandits). Aber so wie die Theologen des Westens, die nur die Bibel kennen und auslegen, haben sie nur selten eigene mystische oder ultramystischen Erfahrungen. Wie können sie lehren, wenn heute die meisten Menschen lebendige spirituelle Erfahrungen suchen und nicht theologische Glaubensvorstellungen? Vor diesem Dilemma stehen wir heute in Ost und West.

Viele indische Gurus erteilten auch an westliche Schüler und Schülerinnen die Kompetenz, ihre Lehren und Praktiken weiterzugeben. Und diese wiederum geben die Lehrbefugnisse an ihre ausgewählten Schülerinnen und Schüler weiter. Oft steckte auch ein raffiniertes Therapieangebot dahinter, das zu bewältigen ist und diesen Organisationen zusätzlich viel Geld einbringt. Die Weitergabe der Lehre und Praxis hat in Indien und später auch im Buddhismus und Zen eine lange Tradition.

Skepsis und Kritik ist angebracht, wenn Gurus und spirituelle Lehrerinnen und Lehrer keine Auskunft über die Herkunft ihrer Lehren und über ihre eigenen Erfahrungen mit der Realisatiion geben. Oder wenn, dann unter dem Deckmantel von "Geheimnissen", die nicht an Uneingeweihte weitergegeben werden dürfen. Auch zu ihrem eigenen Schutz. Deshalb ist das Gurutum auch in die nicht ernst zu nehmende Ecke der Esoterik gestellt worden, so wie die früheren Geheimlehren von Magie, Schamanismus, Geisterglauben und Weissagekünsten. Manchmal zu Unrecht.

Deshalb ist das Wissen über die Hintergründe der Lehren und Methoden der beste Schutz vor Missbräuchen und vor den Fallen und Gefahren, die damit verbunden sind. Lernen Sie zu unterscheiden, was da angeboten wird und fragen Sie ausdrücklich kritisch nach. Benutzen Sie dazu die Kriterien, die ich auf der Seite Was ist Erleuchtung? aufgeführt habe. Sie werden dann schnell feststellen, wie wenig selbst in Gurukreisen darüber bekannt ist und noch weniger die Schülerinnen und Schüler darüber wissen. Wenn Gurus keine zufriedenstellenden Auskünfte darüber geben und nur undeutliche Andeutungen machen, von Geheimwissen sprechen oder schreiben, liegt der Verdacht nahe, dass sie von der höchsten Realisation von GEWAHRSEIN nichts wissen und keine kompetenten Erfahrungen damit haben.

In Meditationen haben die meisten wahrscheinlich - wenn überhaupt - den "Zustand" des Bewusstseins erfahren, den man turiya oder "das Kausale" nennt. Das sind die Erfahrungen von Mystikern. Und darauf gründen die meisten Lehrerinnen und Lehrer ihre Lehren. Diese vorübergehenden Zustände werden dann als dauerhafte "Erleuchtung" missinterpretiert. Und diejenigen, die diese Zustände erfahren haben, glauben dann, dass sie fortan erleuchtet seien. Sie sind dann statt erlöst vom Ego in den meisten Fällen aber nur "erleuchtete", inflationär noch grösser aufgeblähte Egos. Aus der Psychopathologie sind diese Komplexe bestens bekannt. Bereits der Tiefenpsychologe C.G. Jung hatte darauf hingewiesen und sie als Hintergrund von Lebenskrisen erkannt. Bei psychotischen Episoden können solche Allmachtsphantasien zu Gotteskomplexen werden. Oder es entstehen in den Beziehungen zwischen den Anhängerinnen/Anhängern und den Gurus Abhängigkeitsverhältnisse. In der Psychologie ist dann einige Zeit später auch der Begriff "Spirituelle Krise" Mode geworden. Man hatte erkannt, dass es manche Leute in Lebenskrisen wie Motten zu diesem vermeintlichen Licht zieht, unwissend darüber, dass sie darin verbrennen können oder es sich dabei um ein trübes Licht handelt, das sie nicht zu heilen vermag.

So sind diese Wege der Spiritualität - vor allem die der Suche nach Erleuchtung - zwar sehr attraktiv und begehrt, um Lebensprobleme zu lösen, was aber aufgrund der Natur der Sache, die verlangt wird, nicht funktionieren kann. Der Weg kann deshalb unendlich lang sein, denn das wirklich Gesuchte lässt sich so nicht finden. Aber auch da gab es in Indien eine Erklärung dafür, die auch im Westen sehr populär wurde: ein Leben reicht nicht dazu aus. Deshalb hat der Mensch viele Erdenleben in einer Kette von Wiedergeburten durch die er sich aufwärts entwickelt oder absteigt. Und die Gurus sind die grossen Seelen, die die Fähigkeit haben, die dabei entstandenen Altlasten - Karma - der Schülerinnen und Schüler teilweise oder ganz abzunhemen. Das ist natürlich sehr attraktiv und verführerisch.

Es gibt auch Schulen, die Instanderleuchtungen und Bypässe zu den angenommenen "höheren" Bewusstseinsebenen anbieten. Das funktioniert aber nicht wirklich, denn um permanentes GEWAHRSEIN zu realisieren, müssen zunächst einmal all die Konditioniertheiten, Konstrukte und Hindernisse erkannt und abgelegt werden, die man selbst gebildet hat oder einem von der Gesellschaft auferlegt wurden. Das Realisieren von GEWAHRSEIN ist ein Prozess, der so lange anhält, wie noch all diese Konditioniertheiten vorhanden sind, die es verhindern. Diese Widerstände können nicht von Gurus beseitigt werden.
Ein echter Guru kann nur Hilfen anbieten und darauf aufmerksam machen wie die Widerstände zu beseitigen sind. Oder sie können als Vorbild dienen, wenn sie wirklich über die entsprechenden Erfahrungen verfügen.

GEWAHRSEIN selbst entwickelt sich nicht, aber es durchlichtet alle Inhalte, die auf den selbstkonstruierten Ebenen kommen und gehen. Selbst Meditation ist für die Realisation nicht unbedingt nötig, davon zeugen schon einige alte Texte, die allein Erkenntnis, wie z.B. im Jnana-Yoga, propagieren. Scharfes Denken, zurück zu seiner Quelle, kann die Konstrukte ebenfalls durchschauen und beseitigen. Vorübergehende Vertiefung von Meditation kann dabei helfen und die Chance erhöhen, in der Stille und durch Stillung des Geistes Gewahren zu realisieren. Eine solche Konzentration und Kontemplation ist in einem gewissen Sinne Meditation und wir müssen uns stets bewusst sein, was die verschiedenen Meditationen, die heute angeboten werden, bewirken sollen.

Fazit: Das Wort Guru wird heute vielfach missbraucht, indem sich Lehrerinnen und Lehrer in der spirituellen Szene dieses Etikett zulegen, obwohl sie meist nur Vertreter einer bestimmten Organisation sind. Vielen fehlt es an wirklicher Kompetenz, Authetizität und Integrität. Welche Kriterien anzulegen sind, wenn es um die Realisation von GEWAHRSEIN geht haben Sie hier erfahren.

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