Was ist Erleuchtung?

Erleuchtung ist eine andere Bezeichnung für die Realisation von GEWAHRSEIN

Wie der Begriff Spiritualität heute viele Bedeutungen hat, so ist es auch mit dem Begriff Erleuchtung. Und in beiden Fällen wird inflationär damit mehr Verwirrung gestiftet als korrekte Aufklärung betrieben. Auch ich hätte am liebsten darauf verzichtet, diesen Begriff überhaupt noch zu erwähnen, aber es ist nun einmal ein Begriff, der aus alten Traditionen überliefert ist, und an den man nicht vorbeigehen kann. Dazu möchte ich hier einige Fakten zur Klarstellung präsentieren.

Im Englischen hat das Wort "Enlightenment" die Bedeutung von "Aufklärung", worin im Englischen das Wort "Licht" steckt und in der deutschen Übersetzung das Wort "klar". Es geht also um ein klares Sehen, um eine Erhellung. Wo vorher Dunkelheit und Unwissenheit herrschte soll nun Licht werden und ans Tageslicht treten, was sonst verborgen bleibt.

Nur wenige wissen, welche Kriterien man anlegen kann, um die Realisation von Erleuchtung, von Erwachen, von GEWAHRSEIN korrekt zu beschreiben und als Erfahrung zu bestätigen. Und so ist es kein Wunder, dass sich so viele Meinungen im Laufe der Zeit darüber gebildet haben. Wenn es auch hier "Welten in Welten" gibt, und viele Meinungen existieren, so sollten wir heute doch bemüht sein, einige Kriterien herauszuschälen, die allgemeine Gültigkeit haben. Denn die Realisation von GEWAHRSEIN war zu allen Zeiten und in allen Kulturen unverändert dieselbe, wenn sie wirklich voll realisiert wurde. Denn es gibt keine andere, die vorgefunden werden könnte. Alle Umschreibungen sind Beiwerk oder unterschiedliche Interpretationen und Teilaspekte, die man diskutieren, verifizieren und falsifizieren kann. Deshalb versuche ich, solche Realisationen auch im Lichte naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Kenntnisse und Beurteilungskriterien zu untersuchen. Wie bei der Weisheit, darf man dabei auch nicht die historischen Quellen vernachlässigen, die uns aus verschiedenen Zeitaltern und Kulturen zur Verfügung stehen.

Viele Facetten und ihre Klarstellungen

Klarheit in die Sache zu bringen liegt mir auch deshalb am Herzen, weil heute so viele Menschen verschiedene spirituelle Wege gehen, die dazu angeboten werden. Sie folgen dabei oft ungeprüft irgendwelchen Gurus oder Lehrerinnen und Lehrern, die sie in Spiritualität unterweisen oder die ihnen Erleuchtung versprechen. Um da nicht in Sackgassen zu geraten oder in sektiererische Kreise, ist ein Minimum an Wissen zum eigenen Schutz notwendig. Auf der Seite Gurus oder Menschenfänger? können Sie mehr darüber erfahren.

GEWAHRSEIN (ein moderner Begriff), Erwachen (Buddha), Erleuchtung (Gnosis, indische Weisheitslehren), Befreiung (Buddhismus, Zen, Advaitavedanta), Erkenntnis des transzendentalen Selbst (Transpersonale Psychologie), Ultramystische Einsicht (Paul Brunton), Verwirklichung (Ramana Maharshi) usw. sind alles synonyme Begriffe, über die man sich Klarheit verschaffen kann in ihrer Bedeutung und ihren Unterschieden. Die Verwirrungen fangen an, wenn man nicht zu unterscheiden weiss zwischen temporären Bewusstseinszuständen - meist aussergewöhnlichen - und bleibenden, permanenten Realisationen als immerwährende Präsenz von GEWAHRSEIN. Gute Beispiele findet man dazu in der christlichen Mystik, die solche temporären Erfahrungen von GEWAHRSEIN für eine göttliche Gnade hielten und ganz im Sinne ihres Weltbildes von Gott und der himmlischen Welt interpretierten.

Auch Platos und Plotins Weltbild in der Antike war von solchen Einsichten geprägt. In der Transpersonalen Psychologie strebt man solche Erfahrungen als "höhere" oder "aussergewöhnliche" Bewusstseinszustände an, verwendet Drogen, Musik und andere Techniken, um solche Zustände zu erzeugen. Unwissend darüber, dass diese Erfahrungen nur temporär sind und nicht wirklich im Leben stabilisiert und integriert werden können.

GEWAHRSEIN ist kein Bewusstseinszustand und auch keine "höhere" Bewusstseinsebene. Das ist sehr wichtig zu verstehen!

Über die historischen Quellen von Erwachen oder Erleuchtung

Die Spur führt uns nach Asien, der Wiege der ältesten Spiritualität, soweit das bis heute bekannt ist. Früheste Spuren, z.B. von den Wurzeln des Yoga finden sich schon in der Harappa- und Mohenjodaro-Kultur im Industal um etwa 3000 v. Chr. Wahrscheinlich ist dieses Wissen aber schon sehr viel älter und anfangs wurde es vermutlich nur mündlich weitergegeben. Später entstanden die Veden der indoarischen Einwanderer. Um 1000 v. Chr. entstanden die Texte der Upanischaden, die bereits einige hohe Einsichten über die Realisation von Erleuchtung enthalten. Um 700 v. Chr. wurde die Samkhya-Philosophie entwickelt, die uns durch den grossen Weisen Kapila in kurzen Lehrabschnitten (Karikas) überliefert wurde. Mit diesem "Lichtweg" wurde eine Philosophie dargelegt, die frei von Glaubensvorstellungen an Götter und himmlischen Kräfte war.
Gautama Buddha kam um 500 v. Chr. mit dieser Lehre nach seinem jahrelangen Aufenthalt bei den Waldeinsiedlern (Samanas, Schamanen, Yogis) in Berührung und nach seiner Realisation legte er seine Einsichten in den "Vier Edlen Wahrheiten" dar. Aber auch diese reine Lehre, die ganz ohne Gott und Götter auskommt, konnte sich in Indien nicht durchsetzen. Und im späteren Mahayana- und Tibetischen Buddhismus wurde die magische und mythische Welt wieder lebendig und führte zu den heute bekannten tibetischen Traditionen. Jahrhunderte später entwickelte sich aus den buddhistischen Lehren, und in Verbindung mit dem chinesischen Taoismus, die Meditationspraktiken und die Lehre des Zen. Zen kam dann später nach Japan, wo es heute noch eine hochstehende Tradition hat.

In der altindischen Sprache und Schrift des Sanskrits finden sich bereits alle Quellen dieses Wissens von Erleuchtung, Befreiung und Erwachen.

Von buddh ("aufwachen", "hell und klar sehen", "gewahr sein") sind abgeleitet bodhi für "erleuchtet" und auch buddha, "der Erwachte", was Siddhartha Gautama Buddha den Namen gab. Bereits in der Samkhya-Philosophie nimmt buddhi als ein ebenfalls daraus abgeleitetes Wort eine zentrale Bedeutung ein. Es wird darin für ein Prinzip, ein Potential oder Eigenschaft des menschlichen Bewusstseins verwendet. Es lässt sich mit "lichtvolles, unterscheidendes Gewahrsein" übersetzen und wird deshalb auch mahat, "das Grosse" genannt. Buddhi ist das, was uns erst wirklich zum Menschen (purusha) macht. Und weiterhin gibt es auch die kombinierte Bezeichnung bodhi citta, was soviel wie "erleuchtetes Bewusstsein" bedeutet.

Cit oder Chit bedeutet in der Übersetzung "wach sein" oder "hell und klar sein", und auch "sehen". Die Wörter Cita und Chitta kommen schon in den frühen Yogatexten vor und bedeuten dort "Wahrnehmung" oder "Gewahrsein". In der indischen Philosophie waren bereits viele unterschiedliche Bewusstseinszustände bekannt und sind in den alten Texten beschrieben worden. Eine solche Differenzierung gibt es nicht in unserer heutigen Psychologie. Die uns allen bekannten drei Zustände - Wachen, Träumen, Schlafen - werden ergänzt durch einen weiteren Zustand, der deshalb auch als "der vierte" (turiya) genannt wird. Erlebnismässig ist turiya ein Zustand tiefer Meditation, in dem alle Sinnestätigkeiten wie ausgeschaltet sind und kein Gedanke, keine Wahrnehmung eines Objektes, keine Empfindung und kein Gefühl mehr existieren. Nur reine Präsenz, nur reines GEWAHRSEIN. Dieser Zustand wird meist als strahlend und seligmachend empfunden, wenn er hellwach realisiert wird. Aus den Berichten müssen wir annehmen, dass viele Mystiker, in Ost und West und in den verschiedensten Kulturen, diesen Zustand erfahren haben. Aber bereits in den alten indischen Schriften, wurde schon gewarnt, diesen Zustand nicht für die endgültige Realisation zu halten. Es gäbe noch etwas "darüber hinaus" (deshalb turiyatita genannt). Und das sei kein Zustand, sondern der Urgrund aller Zustände überhaupt und unabhängig davon. Wer dies permanent realisiert, gilt erst als voll "erleuchtet". Alle Menschen haben GEWAHRSEIN als Hintergrund ihres Bewusstseins, aber es muss bewusst realisiert werden. Deshalb kann Erleuchtung auch nicht erworben werden, sondern alle Anstrengungen müssen darauf gerichtet sein, die Hindernisse zu beseitigen, die eine Realisation verunmöglichen.

Ein anderer Begriff, der sich für GEWAHRSEIN in den Sanskrittexten findet ist sahaja samadhi, der "natürliche Samadhi". Samadhi ist ein Wort für die Geistesvertiefung, die die Samanas (Schamanen) in ihren Trancen durch Drogen, Musik, Tanz und andere Methoden anstrebten. Und das geht nur zeitweilig, weil man nicht ein Leben lang in Meditation sitzen kann und weil alle Zustände definitionsgemäss wieder in andere Zustände übergehen. Denken Sie nur an den Rhythmus von Wachen, Traum und Schlaf. Und dann meditieren Sie und es kommt ein weiterer Zustand zu diesen drei hinzu. Die Seher erkannten aber schon früh, dass GEWAHRSEIN etwas ganz natürliches ist. Es ist ein Prinzip, die Grundlage des Menschseins, des Bewusstseins. Deshalb wird es auch Sahaja (das "natürliche") genannt. Wenn dieses GEWAHRSEIN gründlich realisiert wird, bedarf es keiner Anstrengung mehr, damit es präsent ist. Alle diese zeitweiligen oder dauerhaften Zustände von Turiya und/oder kurzen Einblicken von GEWAHRSEIN werden als eine grosse Befreiung erlebt, als eine Desillusionierung, eine Unzeitlichkeit und Todlosigkeit. Und vor allem als eine Einheit von ALLEM, in der alle Gegensätze mit ihren Konflikten aufgehoben sind. Insofern lohnt sich die Realisation, aber wegen dieser Qualitäten sollte die Realisation nicht ein forciertes Streben des Egos sein, denn das würde alle Anstrengungen nur vereiteln. Es ist mehr ein Bereitmachen und Lassen.

Fazit: Es ist wichtig zu verstehen was Erleuchtung wirklich ist: Realisiertes GEWAHRSEIN!

StartseiteImpressumKontakt