GEWAHRSEIN als Essenz aller Spiritualität


Die Geburt von Religionen und Spiritualität

Das Wort Spiritualität ist aus dem lateinischen Wort spiritus ("Geist", "Hauch" bzw. spiro "ich atme" und spiritualitas ("Geistigkeit", "inneres Leben" oder "geistiges Wesen") abgeleitet. Im weitesten Sinne wird der Begriff für eine auf Geistiges gerichtete Haltung oder im engeren Sinn für den spezifisch religiösen Sinn als innere Haltung verwendet. Im weitesten Sinne beinhaltet Spiritualität auch immer die Vorstellung einer geistigen Verbindung zum Göttlichen, zum Transzendenten, zum Jenseits und dem Unendlichen. Spiritualität und "spirituell" stehen auch für den Gegensatz zur Materialität, zum äußeren Leben und zum rein körperlichen Wesen des Menschen. So ist das griechische Wort psyche, das auch "Hauch", "Atem" bedeutet, ein Äquivalent. Spiritualität geht damit auch immer über die rein vernunft- verstandesmäßige geistige oder mentale Tätigkeit hinaus. Heute verstehen die meisten Menschen unter Spiritualität ganz einfach Religiosität, die geistige Haltung, sich einer jenseitigen und grösseren Wirklichkeit zuzuwenden, Gott, der Transzendenz, dem GEIST. Diese werden als unabhängig vom Menschen als existent angenommen und als höchsten Wert und Sinn des Lebens betrachtet.

Schon vor unseren westlichen Religionen haben sich Menschen mit der Spiritualität und dem GEIST (spirit) beschäftigt. Es ist anzunehmen, dass sie sich zunächst aus dem animistischen und magisch-mythischen Weltbild entwickelte. Für die Frühmenschen war die Natur belebt und noch eine Einheit. Leben und Tod sah man in den Händen mächtiger Gewalten. So entwickelten sich aus dem frühen Geisterglauben die Vorstellungen von Göttern und später dem einen Gott in den monotheistischen Religionen. Religionen haben von jeher die Kultur befruchtet und Völkerstämme zusammengehalten.

Wir können heute verstehen, wie diese Weltbilder entstanden sind. Es sind Konstrukte, Ideen, die sich die Menschen gemacht haben, um ihrem Leben Sinn und Bedeutung zu geben. Der Glaube an Gott und die Etablierung in einer Religion hat Völkergruppen vereint, die schwierige Zeiten zu überleben hatten, Kriege, Seuchen, Naturkatastrophen usw. Auf religiösen Vorstellungen basieren die moralischen Gebote, um das Zusammenleben der Menschen zu ordnen. Religionen haben aber auch viel Leid über die Menschen gebracht. In ihrem Namen werden bis heute noch Menschen getötet, gefoltert, missbraucht und gedemütigt. So kann auch ein Wahn des Göttlichen entstehen.

Nicht nur erst seit der Aufklärung setzte eine Kritik an den überkommenen Vorstellungen ein. Das Weltbild wurde mehr und mehr von naturwissenschaftlichen Gesetzen und sozialen, politischen und wirtschaftlichen Übereinkünften bestimmt. Die Menschen haben heute andere Massstäbe und Methoden, um mit ihren Problemen und Krisen fertig zu werden, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu garantieren und zu fördern. Bereits im alten Indien wurden die alten Götter der vedischen Zeit angezweifelt und durch eine auf Vernunftgründe basierte Philosophie entwickelt. Die Samkhya-Philosophie ist das geschichtlich älteste Zeugnis für eine rationale Begründung von Spiritualität. Wahrscheinlich baute Buddha um 500 v. Chr. seine eigene Lehre auf sie auf. Doch die Götter kamen wieder zur Hintertür herein. Auch im antiken Abendland wurden die Götter zu mythischen Gestalten und der Glaube an diese Schicksalsmächte wurde durch die Philosophie vorübergehend ersetzt. Im christlich geprägten Mittelalter blühte der Glaube jedoch wieder auf, sanktioniert durch die politischen Machthaber. Dieser Machtkampf hält auch heute noch an.

Spirituelle Bedürfnisse gehören zum Menschsein

Das spirituelle Bedürfnis der Menschen - das Verlangen nach Sinn in ihrem Leben, nach einem Getragensein von höheren Werten, nach Erfüllung einer Sehnsucht nach Transzendenz - ist auch heute noch gross. Nur können diese Bedürfnisse heute in der aufgeklärten Gesellschaft nicht mehr von den Religionen befriedigt werden, weil ihre Inhalte abgedroschen sind und oft mit der Realität und Vernunft in Konflikt kommen. Seit einigen Jahrzehnten gibt es den Trend, dass Menschen von den etablierten Religionen enttäuscht sind. Sie suchen ihr Heil in der Esoterik oder einer Psychologie, die auch der Spiritualität Rechnung trägt. Von den christlichen Religionen wurde dieser Trend seither kritisiert und teilweise auch hart bekämpft. Schaut man genauer hin, sind auch die tradierten Religionen Esoterik, weil weder Gott, der Himmel noch das Jenseits mit der Vernunft begründet werden können, wenn man diese als Kriterium nimmt. Aber die Religionen wussten diesem Trend nach esoterischer Spiritualität auch nicht viel entgegenzustellen. Ja, man übernahm sogar einige der Methoden wie Meditation, Kontemplation, Bildbetrachtungen und Exerzitien, die auch im Asketentum der Yogis und Schamanen üblich sind. Die Klöster öffneten ihre Tore für alle, wurden zu Orten der Stille und Einkehr oder - wie jetzt einige - zu Oasen für Wellness. Wieder andere - wie die Kreationisten - suchten Gott als Schöpfer der wunderbaren Welt mit der Schönheit der Natur zu begründen.

Auch in den Wissenschaften hat man inzwischen den Drang nach Spiritualität wiederentdeckt. Es wird danach geforscht, warum die Menschen glauben, was sie glauben oder warum die Gottesideen nicht aus den Gehirnen zu verbannen sind. Neurowissenschaftler untersuchen, warum der Glaube hilft und Beten gesund macht, warum und wie Meditation das Gehirn verändert und beim Menschen zu mehr Gelassenheit, Empathie, Nächstenliebe und Wohlbefinden führt. Oder man ist auf der Suche nach den Genen, die Religiosität und Spiritualität begünstigen oder verursachen.

Die "Vielfalt der religiösen Erfahrungen" (so schon 1901 der Titel eines Buches von William James) wurden in den 60er- und 70er Jahren zum Gegenstand einer neu gegründeten Richtung in der Psychologie und Psychotherapie. Transpersonalität wurde als Urgrund der Spiritualität erkannt, die Krisen der Menschen mit einem Mangel an Spiritualität begründet, was auch die Religionsführer und Esoteriker schon immer behauptet haben. Aber jetzt sucht man Spiritualität auch wissenschaftlich zu begründen und zur Krisenbewältigung und Heilung von Krankheiten einzusetzen.

Darin ist auch ein wahrer Kern enthalten und diese Forschungen sind zu begrüssen, weil Glaubensgründe heute nicht mehr ausreichen, um Spiritualität ins Alltagsleben zu integrieren. Wenn der Urgrund der Spiritualität GEWAHRSEIN ist - was ich hier auf der Website zu vermitteln suche - wird die Suche des Menschen nach Spiritualität auf alte Weise erfolglos sein. Wir haben es nicht mehr mit einer Beziehung zu einem Gott oder Menschensohn als Erlöser zu tun, nicht mit einem Gott als Schöpfer des Universums oder Erretter einer sündigen Menschheit, sondern mit dem Prinzip unseres Menschseins, das zu erkennen ist und zu einer lebendigen Erfahrung heranreifen sollte. Und weil diese Realität eine unauslöschliche - wenn auch verborgene - Präsenz ist, existiert die Sehnsucht nach Spiritualität überhaupt. Wenn sie nicht erfüllt wird, geht die unendliche Suche weiter und das Ziel wird jedes Mal verfehlt, wenn noch die geringsten Spuren von Hindernissen im Denken, Empfinden, Fühlen und Handeln bestehen und wenn es nicht erkannt wird. Religiosität kann deshalb auch völlig unspirituell sein. Wissentlich oder unwissentlich wird so Spiritualität von der Religion untergraben. Das hat auch der Philosoph Thomas Metzinger erkannt, wenn er schreibt, dass religiöser Glaube ein Versuch ist, sich weiter an die Vorstellungen von metaphysischen Welten und unsichtbaren Personen festzuklammern. In diesem Sinne sei der Glaube etwas zutiefst Unspirituelles und nur eine Strategie, um die hedonistische Tretmühle zu überlisten. Aber er ist sich auch der Gefahr bewusst, dass durch den Naturalismus der Naturwissenschaften viele Menschen in einen Nihilismus getrieben werden könnten.


GEWAHRSEIN ist der Urgrund der Spiritualität

Ähnlich hart wie Metzinger äusserte sich schon vor vielen Jahrzehnten der Philosophieprofessor und Zenmeister Shinichi Hisamatsu der Universität von Kyoto: "Die Gebilde, die nicht wert sind zu existieren, müssen gesellschaftlich und aufs ganze verneint werden. Das ist auf dem Weg zur wahren Religion sehr wichtig. Heute haben die Gebilde, die kaum mehr wert sind zu existieren, in gewissen Gesellschaften noch einige Kraft. Die Tatsache, dass sie überhaupt da sind, erweckt im Menschen schon die Illusion, als hätten sie noch irgendeinen Daseinswert, was wiederum zum Anlass dafür wird, dass sie weiter fortbestehen. Es ist also unerlässlich, dass solche Dinge, die sich ohne eigenen Daseinswert und nur kraft der Trägheit erhalten, entschlossen aufgrund des starken modernen Selbstbewusstseins ausgerottet werden."

Das ist hart, trifft aber genau den Punkt, die etablierten Religionen in Frage zu stellen. "Gott ist tot" ist nicht nur ein Wort Nietzsches, sondern ein legitimer Schrei der modernen Welt, die entschieden vom Gottesglauben Abschied nehmen möchte. Hisamatsu bietet diesem Gottesglauben, der bei vielen zweifelnden Menschen noch etwas vorhanden ist, eine Alternative an, die die Wissenschaft bislang nicht zu bieten hat: Die Philosophie des Erwachens . Aus der Verneinung eines Gottes als den "Anderen" und eine Verneinung der Unterwerfung unter seine Gesetze, tritt der Mensch in seiner Autonomie als ein wahres SELBST hervor. Das ist die Realisation von GEWAHRSEIN mit all seinen Konsequenzen.

Wir sind selbst für uns und die Welt verantwortlich. Der Konstruktivismus lehrt uns zu erkennen, dass wir als Beobachter und Akteure nicht von der Welt zu trennen sind, die als Wahrnehmungswelt in unserem Bewusstsein erscheint. Unser Leib ist mit der Umwelt verbunden, wir sind nicht getrennt von ihr, sondern sehen immer das, was auch in uns schon strukturiert ist. Wir sind die Schöpfer unserer Welt, aber wir müssen aufpassen, dass wir dabei keinen Grössenwahn entwickeln, wie das als Pathologie durchaus vorkommt. Wir sind ja schon durch die Jahrtausende vorstrukturiert, die Gene sind schon auf einen Set brauchbarer Funktionen ein- und ausgeschaltet. Die Lebenserfahrungen aller Ahnen sind tief in unseren Zellen eingeschrieben und erlauben schon deshalb keine Beliebigkeiten. Die Welt ist nicht unser privates Erzeugnis sondern ein Resultat aller Menschen, Lebewesen und der Umwelt. Das gilt auch für die Inhalte der Religionen, der Philosophien, der Wissenschaften. Sie können nur schrittweise verändert werden. Aber das soll uns nicht zurückschrecken. Wenn wir erkennen, dass der religiöse Glaube und die Inhalte der Esoterik nur vorübergehende Konstruktionen waren und heute nicht mehr ihren Zweck erfüllen, dann müssen wir bereit sein, sie mit einem besseren Wissen und neuen Erfahrungen zu ersetzen. Dazu gehört z.B. GEWAHRSEIN in Theorie und Praxis. Es ist realisierbar wie es schon immer zu allen Zeiten realisierbar war. Es ist als Prinzip nicht veränderbar, weshalb die Weisen es auch als "Wahrheit" und "Wirklichkeit" oder als das "Unwidersprechliche" bezeichnet haben.

Aber schon die frühindische Samkhya-Philosophie konnte die Menschen nicht überzeugen. Buddhas Lehre konnte in Indien nicht Fuss fassen und man führte die Götter wieder zur Hintertür herein, plusterte Buddhas menschliche Persönlichkeit zu einem verehrenswürdigen göttlichen Wesen auf und machte daraus eine "Buddhismus" genannte Religion. Leider ist auch bei uns im Westen nur dieser Buddhismus, vertreten durch verschiedene Schulen, bekannt geworden. Die reine Lehre des Buddha als Philosophie nur nur wenigen Menschen wirklich bekannt.

Ebenso bekämpfte die christliche Kirche die Mystikerinnen und Mystiker und bezichtigte und verfolgte sie als Ketzer und Häretiker, die nur den Glauben untergraben würden.

Auf diesem Boden entstanden dann im Untergrund die Geheimlehren, die bis in die heutige Zeit hinein noch in der Esoterik ihre Rolle spielen. In ihnen vermischen sich viele Elemente aus den archaischen, magischen und mythischen Epochen der Menschheitsgeschichte zu bizarren Glaubensystemen, die heute viele Menschen anziehen und von denen sie schnelle Hilfe und Lebenssinn erwarten. Sie merken nicht, dass sie von der Sehnsucht nach ihrem höchsten Potential, das schon in ihnen ist, angetrieben werden. Und alles was sie meist dabei unternehmen vereitelt nur ihre Suche nach spiritueller Erfahrung.

Fazit: Am Anfang aller Spiritualität steht die Realisation von GEWAHRSEIN und sollte stets dies zum Ziel haben.