Die Sehnsucht nach dem Ursprung


Geheimlehren, antike Kulte und religiöse Mystik

Die Realisation von GEWAHRSEIN ist nur eine andere Bezeichnung für "Verwirklichung des Selbst", "Befreiung", "Erwachen" und "Erleuchtung". Ich möchte hier ausdrücklich darauf hinweisen, dass diese Realisation nicht etwas ist, was in den Bereich der Esoterik im Sinne von abergläubischen Vorstellungen gehört, wie es leider oft getan wird. Sie würde deshalb wie vieles andere in der Esoterik nicht ernst genommen und auch von der Wissenschaft abgelehnt.
Tatsächlich konnten frühere Traditionen mit ihren archaischen, magisch-mythischen und mystisch-religiösen Weltbildern noch nicht die Unterscheidungen machen, wie wir es heute mit einem rationalen und integralen Weltbild können. Viele Texte sind leider vielfach mit bestimmten Vorstellungen aus jenen alten Weltbilder vermischt.

Die Begriffe Mystik, Mysterium, mysteriös , mystisch und mythisch lassen sich etymologisch auf hauptsächlich zwei verschiedene Sprachwurzeln zurückführen. Mystik ist eine Bezeichnung für religiöse Bewegungen, die sich mit der Erfahrung einer göttlichen oder absoluten Wirklichkeit befassen. Bereits im antiken Griechenland gab es Einweihungsstätten und geheime Kulte. Das griechische Wort mystikós bedeutet "zu den Mysterien gehörend" und "geheim". Das mysterion, wovon "Mysterium" und "mysteriös" abgeleitet sind, bedeutete seinerzeit "kultische Weihe", "Geheimkult". Personen, die in diese Kulte eingeweiht waren, nannte man myste, ein Wort, das wiederum von mystós abgeleitet ist, und bedeutet "verschwiegen". Und Stammwort davon ist wiederum myein, was "sich schliessen" bedeutet, im Sinne von "schliessen von Mund und Auge".

Mythos, Mythus und eingedeutscht Mythe gehen hingegen auf das griechische Wort mythos zurück, das "Wort", "Rede", "Sage" und "Fabel" bedeutet. Als Eigenschaftswort "mythisch" bezeichnet es die auf Mythen und Sagen bezogenen Aussagen. Die Gesamtheit der überlieferten Mythen werden in der Mythologie erforscht.

Griechische Einweihungsstätten und Tempel (Ephesus, Samothrake, Eleusis, Delphi u. a.) entstanden bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. und setzten sich bis in die römische Zeit auch in Italien fort. Sie dienten der Götterverehrung, den Opferkulten und Einweihungen in die Mysterien. Am Tor des Apollo-Tempels zu Delphi befindet sich der Spruch "Erkenne Dich selbst". Das könnte sich darauf bezogen haben, das wahre Wesen des Menschen zu realisieren, sich des GEWAHRSEINS bewusst zu werden. In den Einweihungsstätten hatte man vermutlich solche temporären Lichtblicke von Erleuchtung erfahren, wozu entsprechende Praktiken verwendet wurden. Die in den Tempeln Eingeweihten wurden zuweilen auch als "Erleuchtete" bezeichnet.

Seit dem Untergang der antiken Welt und der Verbreitung des Christentums haben sich diese Strömungen nur im Untergrund fortsetzen können, so z.B. in den Geheimbünden. Diese Lehren wurden als abergläubisch, heidnisch und irrig bezeichnet und von der herrschenden Obrigkeit verfolgt. Mit dieser Geheimhaltung war die Esoterik geboren, da sie sich mit dem Übersinnlichen und Verborgenen beschäftigt, das im Gegensatz zu allem Exoterischen steht, den sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungen. Aber das Geheimnisvolle und Verborgene hat die Menschen schon immer fasziniert, daran konnte auch bis heute die Aufklärung mit ihrem rational begründeten Weltbild nur wenig ändern.

Die Mystik als religiöse Strömung findet sich schon seit den ersten Jahrhunderten n. Chr. in verschiedenen Ländern (Hinduismus in Indien, Mahayana-Buddhismus in Indien und China, Daoismus in China, Kaballa im Judentum, Sufismus im Islam, Geheimlehren der Ägypter, Chaldäer und Assyrer). Im frühen Christentum war sie verbreitet und entwickelte sich vor allem im Mittelalter weiter, als die Mönchs- und Nonnenorden in den Klöstern entstanden und eine Praxis der Kontemplation und Meditation pflegten. "Gott schauen" oder "die Seele mit dem Göttlichen verbinden" waren Hauptmotive in der abendländischen Mystik. Eine besondere Erscheinungsform war auch die Alchemie im Mittelalter, die Elemente enthält wie sie auch aus dem indischen Kundalini-Yoga und arabischer Mystik bekannt sind. Verbunden mit kosmologischen Vorstellungen suchten die Alchemisten durch eine Transformation der Kräfte die Vereinigung der Gegensätze zu erreichen. Wie die Studien von C. G. Jung zeigen, ging es dabei nicht darum aus Blei Gold zu machen, wie vielfach angenommen wurde. Das Gold der Alchemisten war die Erleuchtung. Die reiche Bildersprache und Symbolik diente lediglich dazu, die Lehren geheim zu halten oder unkenntlich zu machen, denn die Alchemisten wurden, wie die Mystiker im späteren Mittelalter, von der kirchlichen Obrigkeit verfolgt und vielfach hingerichtet.


Die Sehnsucht nach Vereinigung ist die Suche nach dem Ursprung und dem GEWAHRSEIN

Die unmittelbare Schau des Absoluten durch Mystik ist erstmals bei Origines (185 - 254) genannt. Eine mystische Theologie wurde erst unter Pseudo-Dionysius Areopagita um 500 v. Chr. für eine auf spirituelle Erfahrung gründende Theologie verfasst. Sein Werk wurde erstmals von Johannes Scotus Eriugena (ca. 810 - 877) übersetzt, der der bedeutendste Theologe und Philosoph des frühen Mittelalters war. Seine Schrift "Über die Einteilung der Natur" ist mit der Samkhya-Philosophie in Indien vergleichbar. Das Fundament der christlichen Mystik legen dann Bernhard von Clairvaux (1090 - 1153)) und Hugo (1097 - 1141) und Richard (1110 - 1173) von St. Viktor. Sie breitet sich dann auch nach Flandern, England, Frankreich, Spanien und Italien aus. Im Mittelpunkt steht dabei die Transformation des Menschen zu einem neuen Bewusstsein. Dass Erleuchtung oder GEWAHRSEIN dabei ein zentrales Motiv war, bezeugen z.B. die Ausführungen von Hugo von St. Viktor über die drei Augen der Erkenntnis, dem Auge des Fleisches, der sinnlichen Wahrnehmung, dem Auge der Verstandes, des Geistes und dem Auge der Kontemplation, ein übersinnliches und überrationales Sehen. Er betonte, das alle drei Augen zusammen ein integrales Sehen ermöglichen. Es ist eine neue Art von Einsicht, die das Höhere im Niederen und das Niedere im Höheren erkennt. Die drei Augen sind nun zu einem "erleuchteten Auge" (oculus illuminatus) geworden. Das erleuchtete Auge sieht das Eigene des Menschen, das, was schon immer war und nur noch nicht gesehen wurde. Im alltäglichen Erkennen fehlt gewöhnlich die kontemplative Schau, die wie ausgelöscht ist und das rationale Erkennen ist beeinträchtigt und stützt sich nur auf die sinnlich wahrnehmbaren Phänomene. Das klingt schon fast ultramystisch. Dem Mystiker galt es darum, einen Weg der Wiedergewinnung des Ursprungs aufzuzeigen.

Gnostische Texte, wie z.B. "Das Lied von der Perle" aus den apokryphen Texten des Evangelisten Thomas zeugen von dieser Suche nach dem verlorenen Schatz, in dessen Besitz man einmal war. Wir sind mit GEWAHRSEIN geboren, doch ist es von den Bewegungen des Geistes verdeckt. Der Tiefenpsychologe C. G. Jung erkannte in den Krisen und psychischen Störungen vieler seiner Patienten diese oft unbewusste Suche nach ihrem wahren Selbst. Er erkannte in den Vorstellungen und Bildern der Alchemie vergleichbare Transformationsprozesse wie es sie im Yoga gibt.

In der späteren christlichen Mystik gingen diese Ansichten verloren, weil sich die Mystiker und Mystikerinnen in ihrem christlichen Glauben zu bewegen hatten. Gehorsam galt als eine der höchsten christlichen Tugenden und so betrachtete die kirchliche Obrigkeit die visionären Schauungen und Einsichten, die berichtet wurden, mit Argwohn. So z.B. die einer Hildegard von Bingen (1098 - 1179), die ihre Schauungen in mystischen Bildern zum Ausdruck brachte. Andere wiederum waren so überwältigt, dass sie ihre Visionen nicht in Worte zu fassen vermochten oder als "Gestammel" bezeichneten. So z.B. Katharina von Genua (1447 - 1510), die von ihrer Erleuchtung ("Der Strahl Gottes" hat mich getroffen) berichtet: "Ich sehe ohne Augen, verstehe ohne Verstand, fühle ohne Empfinden und koste ohne Geschmack. Ich habe nicht Gestalt noch Mass, da ich ohne zu sehen ein solches Wirken sehe.
Schliesslich kann ich nicht mehr sagen: Mein Gott, ganz mein. Alles ist mein, weil alles, was Gottes ist, mein zu sein scheint. Da ich nichts sah ausser Gott allein, ohne mich und ausserhalb mein. Da dieses Licht übernatürlich ist, sodass der Mensch es nicht unterscheiden kann, so ergreift er es nicht, da er es nicht begreift."

Ebenso finden sich in den Predigten und Traktaten von Meister Eckhart (1260 - 1328) Textstellen, die GEWAHRSEIN beschreiben und davon zeugen, dass er zumindest temporär solche Erfahrungen hatte und diese zur Grundlage seiner Einsichten machte. In der Predigt von Maria und Martha (Predigt 28) stellt er Martha nicht als einfache Köchin dar, die Maria kritisierte, weil sie Jesus in Hingabe zu Füssen lag, sondern als eine erleuchtete Frau, die Jesus bat, dass Maria so werde wie sie: Maria "sehnte sich, ohne zu wissen, wonach, und sie wünschte, ohne zu wissen, was!" Martha hingegen sprach aus ihrem "gereiften Alter und einem bis ins Alleräusserste durchgeübten Seinsgrund". Eckehart hatte die Nondualität und GEWAHRSEIN erkannt, so bezeugt er z.B. in Predigt 32: "In dem Durchbrechen aber, wo ich ledig stehe meines eigenen Willens und des Willens Gottes und all seiner Werke und Gott selber, da bin ich über allen Kreaturen und bin weder Gott noch Kreatur, bin vielmehr, was ich war und was ich bleiben werde jetzt und immerfort."

Durch die Mystik hätte sich die Theologie aus ihrer Dogmatik herauslösen können. So wurden die Mystikerinnen und Mystiker aber als Ketzer und Häretiker verfolgt und geächtet. Man sah in ihnen eine ernste Gefahr für die Rechtgläubigkeit der Kirche und für die gesamte Christenheit. 1326 kommt es auch gegen Meister Eckhart zur Anklage und zum Prozess. Als das Urteil des Papstes erfolgte lebte er schon nicht mehr und seine Schriften wurden verboten. Im 15. Jh. kommt es zum Mystikerstreit und einer Krise in der Mystik. Auch heute noch werden mystische Denker und Praktiker von beiden Kirchen (Katholiken und Protestanten) nicht gerne gesehen. So wurde z.B. dem Benediktinerpater Willigis Jäger (1925 geboren), der auch Zen lehrt und in den 90er Jahren die Würzburger Schule der Kontemplation gründete, 2001 von der Glaubenskongregation unter Leitung des damaligen Kardinals und späteren Papstes Joseph Ratzinger ein Rede-, Schreib- und Auftrittsverbot erteilt. 2002 untersagte ihm deshalb auch das Bischöfliche Ordinariat in Würzburg die Ausübung jeder öffentlichen Tätigkeit.

Von der Mystik zur Ultramystik

Immer wieder war es auch eine Frage, wie man das aktive Leben und die innere Versunkenheit miteinander verbinden kann. Dreht sich in der Geistesvertiefung der Geist nicht um das eigene Ego/Selbst statt es zu transformieren? Ist die asketische Rückzug nicht eine Abkehr und eine Flucht vor dem Leben und der Verantwortung? Das mag zur Krise der Mystik beigetragen haben. Die Kluft zwischen Rückzug und weltlichem Alltag war oft auch so gross, dass die Praktizierenden in eine Depression verfielen. Zu jener Zeit wurde es "Die dunkle Nacht der Seele" genannt. Den Mystikern und Mystikerinnen hatten zwar gelegentlich temporäre Realisationen von GEWAHRSEIN, konnten diese jedoch nicht dauerhaft ins Leben ausgedehnen und übertragen. Dafür gibt es einige ganz handfeste Gründe, die aber nicht erkannt wurden: es traf sie in ihren inneren Geisteszuständen kein Strahl Gottes und es trat auch keine Vereinigung ihrer Seele mit Gott ein. Sie realisierten in Wirklichkeit GEWAHRSEIN, das aber durch ihre Glaubensvorstellungen nicht erkannt und somit falsch interpretiert wurde. Sie waren in einem Dualismus von Mensch und Gott, Schöpfer und Schöpfung befangen. Jedes Mal, wenn sie aus ihren Meditationen auftauchten, erfüllte sie die Welt wieder mit einem Abgrund und fühlten die Gottferne. An den Textstellen von Katharina von Genua und Meister Eckhart kann man erkennen, wie sie zwar die richtige Intuition und Einsicht hatten, aber nicht erkannten, dass "Gott" ein Konstrukt, eine Vorstellung ihres eigenen Geistes ist. So zu denken, dass es Gott nicht gibt oder der Mensch und die Natur nicht verschieden von Gott sei, verbot ihnen ihr Glaube. Das ist auch heute noch das Problem der modernen Mystikerinnen und Mystiker in Ost und West. In ihren Praktiken suchen sie etwas zu ereichen, dass es so nicht geben kann. Nondualismus und Dualismus sind unvereinbar. So müssen wir über die Mystik hinauswachsen, um das Problem der Realisation von GEWAHRSEIN zu lösen.

Paul Brunton, der englische Reiseschriftsteller (1898 - 1981) war viele Jahre in Indien auf der Suche nach Erleuchtung unterwegs. Er interviewte Yogis, Magier, Fakire, Gurus und Philosophen, studierte alte und neue Texte, die ihn dann auf die Spur einer "Philosophie der Wahrheit" und die Praxis ultramystischen Einsicht und Meditation brachte. Er wurde damit zu einem Pionier der "Ultramystik", da diese lehren und Praktiken über die herkömmliche Mystik hinausgehen.

In der Integralen Spiritualität von Ken Wilber (geboren 1949) beschreibt Wilber Mystik als Stufen der Bewusstseinsentwicklung und schlägt dazu vor, mindestens vier Stufen zu unterscheiden: Naturmystik, Gottesmystik, formlose Mystik und nonduale Mystik. In den Texten der Mystiker (wie z.B. den obigen Beispielen) finden sich oft alle oder mehrere dieser Sichtweisen nebeneinander.

Fazit: In der Mystik suchte man eine Vereinigung mit dem Göttlichen und Absoluten. Der mit dieser Suche verbundene Dualismus verhindert aber das, was gesucht wird und deshalb findet eine durchgreifende Transformation und Erkenntnis nicht statt.

Dauerhafte Realisation ist jenseits aller Mystik, eine ultramystischen Einsicht in die Natur der Wirklichkeit.