Was ist Wissen, Verstehen, Erkenntnis?

Erhellender Impuls: Unser Selbst- und Weltbild ist eine Konstruktion

Was ist Wissen? Wie kommt Wissen zustande? Was ist Wissenschaft? Was ist Erkenntnis? Was ist Verstehen? Was ist die Wahrheit? Was ist die Wirklichkeit? Diese Fragen werden Sie sicher auch schon beschäftigt haben. Und sie haben auch mit den hier angesprochenen Themen von GEWAHRSEIN, Bewusstsein, Selbst, Geist & Gehirn usw. viel zu tun.

Wir konstruieren uns unsere Weltsicht, unser Weltbild, unsere Ideologien, unseren Glauben, unsere Wissenschaft, unsere Kultur. Wir denken gewöhnlich, dass es eine von uns unabhängige Wahrheit oder Wirklichkeit gibt und diese müsse man nur finden, erforschen, entdecken, beschreiben. Wie die Kognitionswissenschaft, die Neurowissenschaft, die Quantenphysik und verschiedene Richtungen der Philosophie (Konstruktivismus, Phänomenologie u. a.) zeigen, ist das nicht so. Wissen - auch die Erkenntnisse der Wissenschaft - sind immer Beschreibungen, die von Subjekten gemacht worden sind. Sie haben immer nur Vorläufigkeitscharakter und sind keine ewig gültigen Wahrheiten.

Wissen, das nicht auch wirklich zum VERSTEHEN führt, nicht Konsequenzen für unser Verhalten und Handeln nach sich zieht und nicht das Weltbild tiefgreifend verändert, besteht nur aus angehäuften Informationen. Seit Jahrtausenden häuft sich so viel Wissen an, und das Internet hat dies noch einmal mehr gefördert. Vieles ist brauchbar, anderes nicht. Vieles, was wichtig wäre, wird nicht wirklich zur Kenntnis genommen und hat kaum Konsequenzen. So ist auch schon seit Jahrtausenden GEWAHRSEIN beschrieben, aber kaum verstanden und noch weniger realisiert worden.

Wissen zu erwerben ist eine Form von Aufklärung. Man sieht die Dinge dadurch besser, klarer und beseitigt die Unwissenheit und Unklarheiten. Um GEWAHRSEIN zu realisieren, bedarf es deshalb auch eines bestimmten Wissens. Das hatte bereits vor 2'500 Jahren Buddha erkannt, der in seiner Lehre von den "Vier Edlen Wahrheiten" die "Rechte Erkenntnis" zur Überwindung der Unwissenheit an die erste Stelle seiner acht Disziplinen des "Achtfachen Pfades" stellte.

Mehr Bildung zum Menschsein und zur Unterscheidungsfähigkeit

Im Zeitalter der Pisastudien und Zertifikate sind zwar Wissen und Kompetenzen erzeugt worden, aber eine Bildung zum Menschsein wurde dabei nur wenig berücksichtigt. Bildungsfachleute warnen deshalb vor dieser einseitigen Entwicklung, die nur an der Leistungs- und Erfolgsgesellschaft orientiert ist. Zur Wissensvermittlung und Lebensschule sollte auch die Theorie und Praxis von GEWAHRSEIN als Urgrund des Menschseins gehören.

Was kann als gesichertes Wissen gelten? Wie unterscheidet es sich von unbegründeten Meinungen, Vorstellungen, Theorien, Hypothesen, Konstrukten und Glaubenssätzen? Es war stets Aufgabe und Ziel der Wissenschaften, zu einem gesicherten Wissen über uns und die Welt zu kommen.

Wenn Sie zur der kleinen Gedankenreise auf der Seite Was ist Gewahrsein? mit dem obigen Bild zurückkehren, an diesem Strand stehen, den Himmel und das Meer betrachten, dann werden Sie nach der üblichen Meinung der Wissenschaft annehmen, dass diese Sinneseindrücke in ihrem Gehirn zu einem Bild in Ihrem Bewusstsein konstruiert werden. Sie werden sich des Sandbodens unter ihren Füssen bewusst, des weiten Horizonts und Himmels: Sie hören Leute oder Möwengeschrei, Sie sehen Schiffe vorbeifahren, spüren den Wind und die Sonne auf Ihrer Haut. Wenn Sie abends vom Strand durch die Dünen zurückgehen, sehen Sie vielleicht in einiger Entfernung etwas auf dem Boden liegen. Sogleich zucken Sie vielleicht zusammen und halten es für eine Schlange, weil Ihnen gestern jemand erzählt hat, er hätte in den Dünen eine Schlange gesehen. Sie nähern sich dem unbekannten Objekt deshalb nur zögernd, weil Sie gewöhnlich Schlangen für gefährlich halten. Beim Näherkommen erkennen Sie, dass es ein kurzes Seil ist und damit ist Ihre Angst unbegründet und verflogen.

Die Unterscheidungsfähigkeit - hier zwischen Seil und Schlange - basiert auf Wissen und Erkenntnis. Sie brauchen Begriffe und Wörter, um überhaupt von "Seil" oder "Schlange", von "Meer" und "Wolken" zu sprechen. Sie müssen wissen, was diese Worte bedeuten. Je besser das Gehirn die wahrgenommenen Objekte interpretieren kann, umso "wirklicher" werden sie. Wir brauchen also das Wissen und die Erkenntnis dazu, um uns in der jeweils vorgefundenen Welt der Wahrnehmungen zurechtzufinden. Ohne das Wissen, was ein Seil und was eine Schlange ist, werden Sie das Vorgefundene nicht richtig beurteilen können. Wenn Sie in der Natur mit einem Schlangenkenner unterwegs sind, oder selbst einer sind, dann werden Sie noch genauer wissen, ob und was das für eine Schlange ist. Und Sie werden dann entweder vorsichtig sein, wenn es eine giftige Schlange ist. Oder es gibt für Sie keinen Grund zur Vorsicht, weil Sie eine harmlose Schlangenart identifiziert haben. Wissen schützt und hilft uns alle zum Überleben und erleichtert die Kommunikation mit anderen Menschen und auch innerlich mit uns selbst.

Vielleicht bemerken Sie das Objekt auch gar nicht und gehen achtlos vorbei, weil Ihre Aufmerksamkeit auf Ihr Inneres gerichtet ist. Sie nehmen ihre Umwelt vielleicht gar nicht bewusst wahr, sind in Gedanken, Empfindungen und Gefühlen versunken, denken sich gerade ein Gespräch mit Ihrem Partner oder Ihrem Chef aus. Auch das ist eine Welt der Wahrnehmungen, Ihre "Welt" unter vielen möglichen Welten. Doch welcher dieser Inhalte sind nun realer als andere? Sie wissen, dass Sie am Strand von z.B. Biarritz sind, nicht wenige hundert Meter von Ihrem Hotel entfernt. Das wissen Sie und können sich auch darauf verlassen, dass dies jeden Tag noch so sein wird, solange es keine Katastrophe gibt.

Sie finden sich auch täglich in Ihrem bekannten Körper wieder und wissen, dass Sie die Person X sind, die wiederum die Personen Y und Z kennt. Aber Sie haben auch so manche Ansichten, Gedanken und Gefühle, die sich mit der Zeit verändern können. Sie können zwischen subjektiven und objektiven Inhalten Ihres Bewusstseins unterscheiden, und auch zwischen Ihrem persönlichen Wissen und dem Wissen anderer Personen. Es gibt also verschiedene Kategorien oder Ordnungen von Wissen und auch verschiedene Perspektiven, nämlich die von Ihnen als erster Person (wie die Sachen für Sie sind, was Sie unmittelbar selbst erfahren), die Kategorie von Wissen aus zweiter Hand (z.B. was eine Person zu Ihnen sagt, aber eigentlich deren Perspektive ist) und Wissen einer dritten Kategorie, wie z.B. Beschreibungen von Phänomenen, die Menschen (wie z.B. Wissenschaftler) gemeinsam erarbeitet haben, vorgetragen werden oder schriftlich niedergelegt sind. Diese Konstrukte verschiedener Wissenskategorien müssen sorgfältig unterschieden werden. Nur so können subjektive Meinungen von sinnlich wahrnehmbaren Tatsächlichkeiten, flüchtige Illusionen, Täuschungen und Träume von stabilen Realitäten unterschieden werden. Und so müssen wir uns immer wieder fragen, wie sicher unser Wissen ist und auf was es beruht. Wie sicher sind die Aussagen anderer? Wie sicher ist das Wissen, das zu einem bestimmten Weltbild führt? Die Wissenschaft möchte zu einem möglichst widerspruchfreien Wissen kommen und deshalb werden ihre entwickelten Thesen durch Diskussionen und Experimente verifiziert und falsifiziert, bis sie gewissen Kriterien genügen, die sie sich selbst gesetzt haben. Sie müssen passend und lebbar (viabel) sein. Eine Wirklichkeit oder Wahrheit muss nicht stimmen, muss nicht absolut wahr sein, sondern passen. Und zwar so, das sie sinnvolle Handlungsalternativen bietet. Um z.B. durch die Dünen zum Meeresstrand zu kommen, suche ich mir den passenden Weg und gehe nicht durch die dornigen Rosenbüsche. Ich muss das Vorgefundene berücksichtigen.

Fazit: Wissen ist konstruiert und an Personen und Kontexte gebunden. Wissen, Verstehen und Erkenntnis sind nötig, um klare Unterscheidungen zu machen und grössere Zusammenhänge zu erschliessen.