Wer oder was bin ich?

Phänomenales Selbst und GEWAHRSEIN

So wie es mit der Frage Was ist Bewusstsein? ist, und unter den vielen Antworten keine Übereinstimmungen gibt, so sucht man heute immer noch nach einer Antwort auf die Frage nach der Entstehung des Ichs oder einem Selbst. Je nach entwickelter Bewusstseinsebene scheinen wir verschiedene Selbstbilder zu haben, gehen von der Wiege bis zum Grabe durch verschiedene Entwicklungsphasen. Aber wir scheinen dabei irgendwie immer mühelos unsere Identität beizubehalten, so als hätten wir einen festen Kern in uns, eine Seele. Was tatsächlich vorhanden ist, auch wenn es innerlich und äusserlich Veränderungen gibt, ist der biologische Organismus, unser Leib. Und der ist, wie die neuesten Forschungen der Neurowissenschaft zeigen, der Grund für die Entstehung unseres Selbstbildes. Er ist Teil unseres In-der-Welt-Seins und nicht von der Welt zu trennen.

Wenn wir auf die Welt schauen, so wie oben auf dem Bild auf das Meer und den Himmel, dann nehmen wir uns damit auch gleichzeitig selbst wahr, denn nur in uns taucht diese Wahrnehmung auf, nur wir sehen es, hören das Rauschen, riechen den Wildrosenduft, schmecken das Salz auf unseren Lippen, spüren den Wind auf unserer Haut. Wir sind nicht nur im Kopf, in unserem Gehirn, sondern wir spüren es von den Zehen bis zum Scheitel und unser Leib ist ein Teil dieser Gesamtwelt. Wir sind mit ihr verbunden. Und unser Leib gibt uns Antworten auf diese Verknüpfung. In uns entstehen Empfindungen, Gefühle und Gedanken darüber. Und so sind wir auch mehr als nur eine Reaktion auf materielle Reize.

Der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger ist auf der richtigen Spur, wenn er das Selbst als ein Konstrukt des Gehirns, als ein phänomenales Selbstmodell (PSM) bezeichnet. Und das Ich als die zu einem gegebenen Moment vorhandenen Inhalte dieses phänomenalen Selbstes. Das Selbst und Ich ist nach seinen Thesen ein nützliches Werkzeug, das während der Evolution des Menschen entstanden ist, um in der Umwelt zu überleben und nicht von den vielen Eindrücken aus der Umwelt, die ständig das Gehirn erreichen, überwältigt zu werden. Was wir gewöhnlich wahrnehmen, ist immer nur ein kleiner Ausschnitt aus einer viel grösseren und tieferen Wirklichkeit, aus der wir nur herausfiltern, um durch diese Beschränkung eine für uns überschaubare und erfahrbare Realität zu erzeugen. Und die Erzeugung des Subjekts, eines Beobachters gehört mit zu dieser Welt. Es ist seiner Meinung nach ein Evolutionsprodukt, jedoch mehr eine Funktion als ein "Etwas". Und deshalb ist das Selbst auch nicht einfach eine Illusion, sondern hat eine gewisse Realität, auch wenn diese virtuell ist. Das Ich oder Selbst als Funktion kann nicht einfach abgeschafft, sondern muss im Gegenteil gewürdigt werden.

GEWAHRSEIN ist mit ein Urgrund für die Entstehung des phänomenalen Selbst. Deshalb plädiere ich dafür, dass auch diese Hypothese mehr in die Forschung einbezogen wird. Damit wären viele Fragen gelöst, die sich seit Jahrtausenden um solche Vorstellungen von einem existierenden oder nichtexistierenden Ich, einem niederen oder höheren Selbst, einer Seele - ob sterblich oder unsterblich sei mal dahingestellt - gebildet haben und immer noch die Gemüter beschäftigen. Nicht nur in der Psychologie und Philosophie, in der Religion und in der Esoterik, und dort besonders in den fernöstlichen Lehren von einem höheren Selbst (Atman), einem Nichtselbst wie im Buddhismus oder einer unsterblichen Seele, die durch viele Geburten wandert (Reinkarnationsidee).

Vom "Wer bin ich?" zum "Was bin ich?"

Im Westen wurde der indische Weise Sri Ramana Maharshi bekannt und ist seither die immer wieder genannte Figur für einige spirituelle Bewegungen der All-Eins-Lehre des Advaitavedanta und Neoadvaitavedanta. Er hatte die Frage Wer bin ich? zu einer Formel für die Meditation gemacht. Um mit dieser Formel Erfolg zu haben, muss das gewöhnliche Ich als eine Illusion enthüllt werden und der Mensch zu einem grösseren ICH-ICH erwachen. Sein zeitweiliger Schüler Paul Brunton hat diese Formel in die Frage Was bin ich? umformuliert. Und damit kam er der Erklärung näher, dass die Frage nach dem Ich falsch gestellt ist und immer dualistisch und ungelöst bleiben muss, wenn man diese Frage nach dem Ich nicht in sich selbst auflösen lässt und damit aufgibt. GEWAHRSEIN erscheint als ein präsentes Selbstgewahrsein und ist völlig selbstevident. Diese Selbstevidenz ist dann auch im Bewusstsein präsent.

Deshalb erscheint es so, als wenn GEWAHRSEIN ein Ich oder Selbst hätte. Das ist vergleichbar dem Erscheinen des Ichs im Bewusstsein, wenn die Wahrnehmungen, vor allem die des Leibes, ein Selbstbewusstsein konstituieren. Die wissenschaftliche Erforschung des Bewusstseins und die Entstehung der Wahrnehmung der Welt und des Ichs wird dann erfolgreich sein, wenn sie erkennt, durch was und in was alle diese Vorstellungen, die entstehen, erst ermöglicht werden: Durch GEWAHRSEIN. Die meisten Menschen sind beständig auf der Suche danach, wer oder was das Ich ist. Und inzwischen ist diese Suche auch Gegenstand der neurowissenschaftlichen Forschung. Man realisiert dabei nicht, dass wir es stets selbst sind, die suchen. Deshalb muss sich diese Suche durch Introspektion auf sich selbst beziehen. Jede Suche im Äusseren führt in die falsche Richtung. Die Frage kann nur durch Präsenz und Einsicht von GEWAHRSEIN gelöst werden.

Metzinger schreibt, dass die Entstehung eines Selbst kein notweniger Bestandteil des Bewusstseins ist, weil es auch selbstlose Formen des bewussten Erlebens gibt, wie z.B. die eines Sri Ramana Maharshi oder die von Yogis, von Zen-Meistern und Mystikerinnen und Mystikern in den spirituellen Traditionen der verschiedensten Kulturen. Aus heutiger Sicht realisierten sie das unpersönliche GEWAHRSEIN, interpretierten es aber durch die Brille ihrer spirituellen Traditionen und mit dem gerade herrschenden Zeitgeist. Sie konnten auch oft nicht - was wir heute können - zwischen GEWAHRSEIN, Bewusstsein und Bewusstseinszuständen unterscheiden.

GEWAHRSEIN ist eine Tiefendimension unseres Menschseins, eine intrinsische Eigenschaft des Universums selbst, die das Leben hervorgebracht hat. Auch Subjektivität, so Metzinger, ist ein Potential des Universums.

Bin ich überhaupt jemand?

Jeder Mensch fragt sich irgendwann in seinem Leben, wer er eigentlich ist. Meist fragt er dann aber danach, was für eine Persönlichkeit er hat, oder was der Sinn seiner Existenz ist. Und so sind auch immer wieder Bücher erfolgreich, wenn es um diese Fragen geht. Und die Antworten sind vielfältig und befriedigen die Neugier oft nicht. "Sie sind Ihr Gehirn", sagt z.B. Wolf Singer vom Max Planck-Institut zusammen mit vielen anderen Hardlinern der Neurowissenschaft. Der Philosoph Alva Noë widerspricht dieser These in einem gerade kürzlich erschienenen Buch und behauptet: Du bist nicht Dein Gehirn. Bewusstsein sei ein mit der Welt verwobener dynamischer Prozess. Wir stecken nicht in unserem Kopf! Oder der Physiker und Kognitionswissenschaftler Douglas Hofstadter sagt: "Ich bin eine seltsame Schleife", und erklärt die Entstehung des Bewusstseins und des Selbst mit Gödel, Escher und Bach als rekurrente und selbstreferentielle Schleifen im Gehirn. Da wird es dann für Laien kompliziert. Und so wird weiter gesucht und weitergeschrieben.

Der Bestseller des Publizisten und Philosophien R. D. Precht Wer bin ich und wenn ja, wie viele suggeriert, dass wir möglicherweise viele Ichs haben, oder vielleicht auch gar keines. Ich, Selbst, Seele - diese Fragen gehen also ständig weiter, weil das Geheimnis des Ich immer noch nicht gelöst zu sein scheint und sich jeder Mensch in seinem Leben diese Fragen stellt.

Die meisten Neurowissenschaftler sind sich heute nach der Faktenlage ziemlich einig und verkünden: Das Ich oder das Selbst ist eine Konstruktion unseres Gehirns, ein Vorstellungskomplex, der jedes Mal dann entsteht, wenn wir wach sind und uns der Welt bewusst werden und mit ihr in Interaktion treten. Die Konstruktion des Ichs ist also an das Bewusstsein und an die Welt gebunden. Wenn wir kein Bewusstsein haben, entsteht auch kein Ich oder Selbst. Es ist ein virtuelles Phänomen und mehr eine Funktion als eine Art Seele in unserer Brust, wie die meisten Menschen es aber annehmen.

Wenn Sie zu der Gedankenreise auf meiner ersten Seite GEWAHRSEIN zurückkehren und am Meer stehen und auf die Wellen und die Wolken schauen, dann ist Ihnen ganz sicher auch Eines gewiss: Sie sind ein lebendiger Organismus, Sie haben einen Leib, der einmal von Ihren Eltern gezeugt wurde, der diesen oder jenen Namen hat, diesen Charakter hat usw. Sie identifizieren sich gewöhnlich mit diesem Leib. Und eines Tages wird dieser sterben und vergehen. Wer sind Sie also?


Fazit: Wir sind GEWAHRSEIN und halten in unserem Bewusstsein die Wahrnehmung unserer leiblichen Existenz aufrecht, ferner ein Subjekt als Konstrukt oder Modell, das zugleich in Beziehung zur Umwelt ist. So entsteht die Kette: GEWAHRSEIN > Bewusstsein > Ich/Selbst.

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