Gewahrsein in den Traditionen


Von den frühen Anfängen bis zur Gegenwart

Gelegentliche Erfahrungen temporärer Bewusstseinszustände von GEWAHRSEIN hat es wohl schon auf allen Stufen der Entwicklung der Menschheit gegeben. Die Ursprünge liegen in einer dunklen Vorzeit schamanischer, magischer und mythischer Traditionen. Sie sind wahrscheinlich auch die Grundlage jeglicher Spiritualität und Religiosität. Ich möchte deshalb hier keinen Abriss der Geschichte der Spiritualität und Religionen geben, sondern mich streng auf jene Quellen beschränken, wo das GEWAHRSEIN unabhängig von Glaubensvorstellungen zu einem bewussten Wissen und zu einer Erkenntnis aus Erfahrung wurde. Und dort sind auch die Anfänge der Philosophie zu suchen, da aus der Realisation von GEWAHRSEIN jene drei grossen Fragen eine Antwort finden: Wer oder was bin ich? Was ist die Wirklichkeit? Wie sollen wir handeln?

Die ältesten Quellen: Yoga und die Samkhya-Philosophie

Die ältesten geschichtlichen Zeugnisse von der Realisation von GEWAHRSEIN finden sich im indischen Yoga. Wir müssen aber annehmen, dass diese Erfahrungen zunächst nur mündlich überliefert wurden bevor sie in Bildern, Skulpturen und schriftlich zum Ausdruck gebracht wurden. Der indische Yoga war ursprünglich eine Methode zur Entwicklung der Selbsterkenntnis und Befreiung vom Daseinskreislauf (Geburt und Tod). Durch bestimmte Körperhaltungen, Atemtechniken und Konzentration des Geistes durch meditative Versenkung suchte man die Aufmerksamkeit von den Sinneseindrücken weg auf das eigene Innere zu richten und GEWAHRSEIN zu realisieren. Kleine Figuren aus Stein, Terrakotta und Bronze, die Menschen in Yogapositionen und mit einem Stirnauge (symbolische das 3. Auge der Erleuchtung) sind schon aus der Harappa-Mohenjodaro-Kultur in Nordindien als Funde bekannt und werden auf 6000 - 7000 v. Chr. datiert. Zu jener Zeit gab es dort schon Städte und Dörfer und Yoga scheint in dieser Kultur weithin bekannt und praktiziert worden sein.

Um 2500 bis 1500 v. Chr. wanderten von Zentralasien her in mehreren Wellen arische Volksstämme in diese Region ein. Dabei wurden die Städte teilweise verwüstet und in der Folgezeit mischten sich die Kulturen. Aus dieser Zeit stammen die Texte der Veden, die man zur epischen Periode in Indien rechnet. Zwischen 1100 - 1000 v. Chr. wurden die Upanishaden verfasst, worin das Heilsziel des Yogas in philosophische Formulierungen Ausdruck fand. Bereits viele Jahrhunderte zuvor gab es in Nordindien Königreiche, die eigene Philosophenschulen hatten. Der legendäre König Janaka soll um 1400 v. Chr. philosophische Konferenzen abgehalten haben, an denen die besten Philosophen des Landes teilnahmen. Kennzeichen dieser Schulen war die Ablösung des bis dahin in Indien herrschenden magisch-mythischen Denkens und der Götterwelten und Hinwendung zu einer realistischen Betrachtung der Welt. Diese Philosophen gingen von den beobachtbaren Phänomenen aus. Eine solche Philosophie ist in der Samkhya Karika, einem Text des legendären Weisen Kapila aus dem 8, Jahrhundert v. Chr. niedergelegt und ist die Grundlage der Samkhya-Philosophie. In diesem Text wird wie im Yoga die höchste Erkenntnis des Menschseins (GEWAHRSEIN) als Heilsziel zur Überwindung des Leidens und der Befreiung vom Daseinskreislauf dargestellt.

Die Lehre des Buddha
Von den Samkhya-Philosophen zieht sich ein roter Faden bis zur Lehre des Siddhartha Gautama Buddha, der um 500 v. Ch.r in Kapilavastu in Nordindien geboren wurde. Diese Stadt ist nach dem grossen Weisen Kapila benannt, der dort lehrte und wirkte. Der junge Siddhartha hatte sicher Schriften seiner Zeit gelesen und liess sich als Waldeinsiedler in die Praxis des Yoga und der Meditation einweihen. Sein Heilsziel waren aber nicht die Wunderkräfte und Trancezustände, die jene Waldeinsiedler propagierten, sondern er strebte die Verwirklichung des Selbst, die Erkenntnis der Wahrheit, die Erleuchtung oder dauerhaftes GEWAHRSEIN an, wie es einige Schriften und Lehrer verkündeten. Es wird vermutet, dass er sich nach vielen erfolglosen Versuchen auf die Samkhya-Philosophie besann und auch einem Lehrer dieser Schule begegnet war. Seine Anstrengungen kamen mit seinem "Erwachen" - eine weitere Bezeichnung für die Realisation von GEWAHRSEIN - zum Ende. Aus der Tiefe seines Wissens und Erfahrungen formulierte er später seine Lehre von den Vier Edlen Wahrheiten. Er zeigt darin die Quelle der Unwissenheit des Leidens auf, wie diese entstehen und dass sie und wie sie aufgehoben werden können. In der dritten Edlen Wahrheit versichert er den Menschen, dass dieses Heilsziel Realität ist und verwirklicht werden kann. Er bestätigt und bezeugt dies aus eigener Realisation.

Weiterentwicklung in der Zen-Philosophie

Die Lehre des Buddha konnte in der bunten Welt Indiens nicht Fuss fassen. Die Veden mit ihren Götterwelten, magisch-mythischen Ritualen und religiösen Bräuchen blieben im Volk fester Bestandteil. Nur wenige waren gebildet und die Not des täglichen Daseins liess ihnen keine Zeit für philosophische Reflexionen.

Aus der Lehre des Buddha entstanden in der Folgezeit verschiedene Schulen. Und damit war der Buddhismus geboren, der sich vor allem nach Südostasien und China ausbreitete. Am bekanntesten davon sind der Theravada-Buddhismus, der Mahayana-Buddhismus und der Tibetische Buddhismus. Aus dem Mahayana-Buddhismus entwickelte sich unter dem Einfluss des chinesischen Taoismus der Zen-Buddhismus, der heute noch vor allem in Japan lebendig ist. In ihm ist die Realisation von GEWAHRSEIN jenseits aller Glaubensvorstellungen immer noch höchstes Ziel. In den anderen Strömungen ging dieses höchste Streben und Wissen leider mehr oder weniger verloren. Viele Zen-Schulen propagieren heute das reine "Sitzen" (Za-Zen) und verzichten damit auf die Darlegung einer Philosophie. Aber dieses Problem ist schon alt. Bereits Hui-yüan (337 - 417) formulierte: "Die Meditation kann ohne Einsicht keine volle Befriedigung schenken. Die Einsicht kann ohne Meditation die Tiefen nicht widerstrahlen." In unserer Zeit war der Zen-Meister und Professor der Philosophie, Hoseki Shinichi Hisamatsu (1889 - 1980) ein lebendes Beispiel für diese Synthese aus der die höchste Realisation unseres Menschseins - GEWAHRSEIN - erwächst.

Und im Westen?

Die alten Völker mit Hochkulturen (die Ägypter, Perser, Assyrer, Babylonier, Kelten usw.) hatten mehr oder weniger animistische und magisch-mythische Weltbilder. Das änderte sich während der grossen "Achsenzeit" um 550 v. Chr. als nicht nur im Osten, sondern auch im Westen die Philosophien geboren wurden. Die neuen griechischen Denker wandten sich von der überlieferten Religion mit ihren Götterwelten ab und versuchten die Welt aus natürlichen Ursachen mit Hilfe vernunftmässigen Denkens zu erklären. Hier liegt auch der Beginn der Wissenschaft. Beim Vorsokratiker Parmenides (um 500 v. Chr.) findet sich erstmals die Weltsicht, dass das Seiende unentstanden, unvergänglich, unbeweglich und zeitlos sei. Und den Widerspruch mit der Alltagserfahrung löst er damit, indem er die Sinneserfahrung als blossen Schein bezeichnete und sie deshalb nicht geeignet sei, die Wirklichkeit zu erfassen. Nur die Geisteserkenntnis sei das Mittel dazu. Die grossen Denker Sokrates (469 - 399 v. Chr.), Platon (428 - 327 v. Chr.), Pythagoras (579 - 519 v.Chr.) und Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) haben auf die abendländische Philosophie und Wissenschaft grossen Einfluss gehabt.

Innerhalb der Philosophie entstand um diese Zeit auch die Metaphysik (Was ist die Wirklichkeit jenseits aller Erscheinungen?).
Am Ausgang der Antike erhebt sich das philosophische Denken noch einmal zu einer grossen Systematisierung durch die Neuplatoniker. Bei Plotin (204 - 270) finden wir Textstellen, die auf GEWAHRSEIN hindeuten.
Danach folgte die Entwicklung des Christentums, wodurch die Religion wieder vermehrt Bedeutung bekam und die Einheitslehre (Nondualismus) durch die dualistischen Verstellungen von Gott und Mensch, Geist und Materie vorherrschend wurde.

Wie in den schamanischen und östlichen Traditionen und an einigen griechischen Philosophenschulen, spielten im frühen Christentum und besonders im Mittelalter die Praxis von Kontemplation und Meditation eine grosse Rolle. Zusammen mit dem Asketentum entstanden die Traditionen der Wüstenväter und klösterlichen Einrichtungen. Gelegentliche Höhepunkte dieser Verinnerlichungen waren Erfahrungen von Entrückung und Momente der "Vereinigung mit dem Göttlichen". So wurde die Mystik geboren, die es im Christentum ebenso gab wie in der jüdischen und islamischen Tradition. Ohne kritische philosophische Reflexion konnte nicht erkannt werden, dass sie es hier mit der kurzzeitigen Realisation von GEWAHRSEIN zu tun hatten und der immer noch bestehende Dualismus eine dauerhafte Realisation verhinderte.

Annäherungen von Ost und West

Mit dem Aufkommen der Schifffahrt und dem Handel der Völker untereinander kam es bereits in der Antike zu einem Austausch der kulturellen Errungenschaften und Weltbilder. Mit dem Feldzug des Alexander bis zum Ganges nach Indien kamen die Völker des Orients in Berührung mit der westlichen Kultur und umgekehrt der Westen mit den Kulturen des Osten. Diese haben sich mit der Zeit auch gegenseitig beeinflusst. In unserem Zusammenhang ist hier z.B. das Werk des Griechenkönigs Milinda zu nennen, der im zweiten vorchristlichen Jahrhundert philosophische Fragen mit dem Buddhisten Nagasena erörterte.

Später waren es christliche Missionare, die uns von der spirituellen Welt Indiens, Chinas und Japans berichteten. Durch sie wurde auch Zen in den Westen gebracht. Der englische Reiseschriftsteller Paul Brunton(1889 - 1981) war Anfang der 30er Jahre auf der Suche nach Selbsterkenntnis und Weisheit und bereiste deshalb Ägypten, Indien und andere Länder. Er war zunächst Schüler des bekannten indischen Advaitaweisen Sri Ramana Maharshi (1879 - 1950), den er im Westen bekannt machte.

Weitere Fortschritte machte er durch den Guru des Mahardscha von Mysore. Dieser führte ihn in die höchste Philosophie Indiens ein, woraus sie zusammen die Theorie und Praxis der Ultramystik entwickelten, die 1943 erstmal in einem Buch publiziert wurde. Paul Brunton macht darin deutlich, worin der Unterschied zwischen Mystik und Ultramystik besteht und definierte GEWAHRSEIN erstmals als "ultramystische Einsicht" und "natürliche Intelligenz" des Menschen.

Vom "New Age" bis heute

In der Nachkriegzeit entstand ein Umdenken und eine Neuorientierung, vor allem bei der jüngeren Generation. Ein Boom an esoterischer und spiritueller Literatur blühte auf. Die Weisheit des Ostens war auf einmal gefragt und ein neues Zeitalter wurde propagiert. Viele Menschen brachen nach Indien auf, um dort die Weisheit und das Heil bei den Gurus zu suchen. Und bald kamen auch die Gurus in den Westen. Auch in akademischen Kreisen wurde es populär, dass man sich mit der bislang vernachlässigten spirituellen Seite des Lebens beschäftigte. Die etablieren Religionen sahen darin zunächst nur ein neues aufkeimendes Heidentum und Irrlehren, die zu bekämpfen waren. Sie hatten vergleichsweise den Menschen ihre eigenen kontemplativen und meditativen Traditionen in der Vergangenheit nicht näherbringen können. Seit den 60er Jahren entstand auf diese Boden auch eine neue Psychologie, die diese Fragen und damit verbundenen Praktiken zum Therapie- und Forschungsfeld machte. Auch die Neurobiologie und Kognitionsforschung begann sich dafür zu interessieren und so wurde versucht zwischen Spiritualität und Wissenschaft die bisher unüberwindlich scheinende Kluft zu überwinden und eine Versöhnung anzustreben. Ken Wilber (geboren 1949) ist einer der visionären Denker unserer Zeit, der auf dieser Basis eine Integrale Psychologie entworfen hat. Einige Neurowissenschaftler, die das Gehirn und seine Funktion erforschen, haben es sich inzwischen zur Aufgabe gemacht, welche Vorgänge im Gehirn ablaufen, wenn Menschen meditieren. Sie versuchen GEWAHRSEIN wissenschaftlich zu untersuchen. Gehirn & Geist ist ein neues interdisziplinäres Forschungsfeld, an dem sich auch Geisteswissenschaftler beteiligen. In der Quantenphysik werden inzwischen Parallelen gezogen und ernsthaft diskutiert.

Fazit: GEWAHRSEIN, ob temporär als Zustand oder permanent als Realisation des Seins ist schon seit Beginn der Kultur bekannt und bezeugt. Die Forschung darüber geht weiter.

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