Aufbruch in ein neues Bewusstsein

New Age, Transpersonale Psychologie und die Integrale Vision von Ken Wilber

Der letzte Teil der hitorischen Entwicklung von GEWAHRSEIN wendet sich den Jahrzehnten nach den beiden Weltkriegen zu. Es ist die Zeit, als die östliche Weisheit im Westen bekannter wurde. Missionare, Ethnologen und Sprachwissenschaftler reisten in den Osten, vornehmlich nach Indien und China. Wichtige Werke wurden in dieser Zeit übersetzt und im Westen zugänglich gemacht. Auch viele deutsche und englische Forscher waren daran beteiligt. Das Naziregime hatte Interesse am arischen Volksgut und vor allem aus Tibet griffen sie Ideen aus dem magisch-mythischen Weltbild auf.

Um nur einige zu nennen: Der englische Rechtsgelehrte Sir John Woodroof (Arthur Avalon), 1865 - 1935) übersetze und kommentierte den tantrischen Yoga. Richard Wilhelm (1873 - 1930) war Theologe und kam mit der Missionsbewegung nach China. Als Sinologe übersetzte er wichtige Texte aus dem Chinesischen und vertiefte sich in diese Philosophie. Heinrich Zimmer (1890 - 1943) war Indologe und schrieb über die Geschichte der Philosophie in Indien. Richard Garbe (1857 - 1927) übersetzte und kommentierte erstmal die Samkhya-Philosophie und Helmuth Glasennapp (1891 - 1963) war Indologe und Sinologe. Er verfasste grosse Überblicksdarstellungen zum Hinduismus, Jainismus und Buddhismus. Auch Reiseschriftsteller wie z.B. Paul Brunton (1898 - 1981) wurden zu Vermittlern der Kulturen zwischen Ost und West. Zu nennen ist auch Raimon Panikkar (1918 - 2010), Professor für Religionsphilosophie, der sich bis zu seinem Tode für den Ost-West-Dialog einsetzte.

Nach dem 2. Weltkrieg lebte das Interesse an der östlichen Philosophie wieder auf und gewann ein breiteres Interesse, denn nach der grossen Niederlage besann man sich auf die Grundfragen des Lebens und der Philosophie: Wer bin ich? was ist die Welt? Wie sollen wir handeln? Parallel dazu wurde auch das Interesse an der Esoterik wieder wach, die sich mit diesem Interesse an den östlichen Weisheiten vermischte. Auch einige Psychologierichtungen wandten sich den östlichen Lehren zu, so z.B. Carl Gustav Jung (1875 - 1961), der Heinrich Zimmer, Richard Wilhelm und andere Gelehrte an seine in Ascona stattfindenden Tagungen einlud. Später setzte sich dieser Trend in der Humanistischen und Transpersonalen Psychologie fort. In diesen Bewegungen kann man den Beginn einer Integralen Spiritualität sehen, denn auch Theologen und Philosophen begannen sich zu interessieren und es fanden interreligiöse Dialoge zwischen den Religionen in Ost und West statt.

Das Wort „New Age“ wurde wahrscheinlich erstmals 1804 von William Blake in seiner Dichtung Milton verwendet. 1894 erschien in England eine modernistische Zeitschrift mit dem Namen "The New Age", die Artikel sozialpolitischer, literarischer und spiritueller Themen enthielt. Eine weitere Verbreitung fand der Begriff durch die theosophischen Schriften von Alice Bailey. Sie stütze sich dabei auf die Verkündung eines astrologisch begründeten „Wassermannzeitalter“, das eine neue Ära ankündigte.

„New Age“ wird auch vielfach mit der Protestbewegung der 1960er Jahre in Zusammenhang gebracht. Dabei handelte es sich vorwiegend um Jugendliche, die politisch links orientiert waren und zu radikalen politischen Aktionen neigten; auch war der Gebrauch psychedelischer Drogen sehr verbreitet. In der weiteren Entwicklung in 1980er Jahren beschränkte sich die Bewegung nicht mehr auf eine bestimmte Generation, sondern weitete sich durch verschiedene Autoren, wie z.B. dem Physiker Fridjof Capra (geboren 1939) auch in einer breitere Öffentlichkeit aus. Seine Bücher "Wendezeit" und "das Tao der Physik" wurden zu Bestsellern. Seither wird in der Wissenschaft ein Paradigmenwechsel gefordert.

Die Philosophie des New Age wandte sich gegen die vorherrschenden kulturellen Trends und die moderne westliche Gesellschaft. Dualistische und reduktionistische Tendenzen der modernen westlichen Kultur wurden für die Krise verantwortlich gemacht und Wege angeboten, wie diese zu überwinden seien. Der Ost-West-Dialog trug dazu bei, dass sich eine integrale Betrachtungsweise entwickelte. In der Psychologie und den Religionswissenschaften suchte man die verschiedenen Ansichten zu relativieren und zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Auf diesem Boden entstand die Humanistische und Transpersonale Psychologie.

Anfänglich war auch Ken Wilber an diesen Bewegungen beteiligt, löste sich dann aber von ihnen, weil er andere Vorstellungen von der Evolution des Bewusstseins hatte und die "Ewige Philosophie" (Philosophia perennis" ) als einen "Mythos des Gegebenen" kritisierte.


Integrale Theorie und Spiritualität

Wie auf anderen Seiten berichtet gab es schon integrale Ansätze im frühen Indien, im antiken Griechenland, im Judentum. Islam, Christentum und Buddhismus. In Südspanien lebten lange Zeit Juden, Christen und Araber friedlich miteinander. Moses Maimonides (1135 - 1204) ist eine der herausragenden Figuren jener Zeit. Doch erst heute können wir erkennen, dass es nicht einfach nur ein Pluralismus ist, der andere Religionen und Kulturen würdigt und akzeptiert, sondern dass sie sich alle in einer Gesamtwirklichkeit von Spiritualität betrachten lassen, die sich in Epochen der Bewusstseinsentwicklung einordnen lassen, wie Ken Wilber in seiner Integralen Theorie und Spiritualität aufzeigt.

Die Integrale Theorie ist demnach eine Weltsicht, die alle früheren Weltsichten, spirituelle Traditionen und wissenschaftliches Denken zu integrieren versucht. Die Vorläufer dieser Perspektiven sind u. a. Aurobiondo Ghose (1872 - 1950, bekannt durch seinen "Integralen Yoga"), Jean Gebser (1905 - 1973, bekannt durch sein Werk "Ursprung und Gegenwart") und Clare Graves (1914 - 1986, der die Evolution des Bewusstseins aufs Management anwendete. Das "Integrale" ist eine Stufe, die Wilbers Meinung nach im Moment in der Welt im Entstehen ist. Jede Stufe integriert ihre Vorgänger. Es geht also nicht darum, sich eine bestimmte Weltsicht auszusuchen und zu favorisieren, sondern den übergeordneten Kontext zu verstehen, der sie alle umfasst. Jede Entwicklungsstufe bringt ihre eigene Auffassung von Wissenschaft, Kunst, Politik und Spiritualität hervor, um einige Bereiche zu nennen. Die hierarchisch gegliederten Stufen werden als Evolutionsstufen des GEISTES verstanden. Das individuelle Selbst des Menschen klettere diese Stufen wie auf einer Leiter hoch und gewinnt dabei immer höhere und umfassenderer Perspektiven. So auch in der Spiritualität. Ken Wilbers Vorstellungen sind dabei von einem Modell abgeleitet, das Allan Combs, (geboren 1942, Professor für Bewusstseinsstudien am Center for Consciousness Studies am California Institute of Integral Studies) ursprünglich entwickelt hatte.

Für die hier vorgestellte Theorie und Praxis von GEWAHRSEIN ist Wilbers Ansatz aufschlussreich, tiefgründig und wegweisend für die Forschung (siehe hierzu die Seite Ken Wilber und mein Gespräch mit ihm).

Kritiker bemängeln an seiner Sichtweise die oft fehlende wissenschaftliche Belegbarkeit seiner Perspektiven, die hierarchische Gliederung der Bewusstseinsebenen, die schnell zu einem elitären Anspruch führt, die Übertragung der biologischen Evolution auf die Evolution des Bewusstseins eines sich entfaltenden GEISTES, der Favorisierung der Religionen als "Förderband" für die spirituelle Entwicklung und sein Anspruch, dass die integrale und spirituelle Intelligenz die Welt retten könnte. Ihm und seinen Anhängern werden deshalb ideologische und fundamentalistische Ansprüche vorgeworfen, die oft zum Schaden der Integralen sind.

Zwischen der Integration von alten Traditionen oder ihre Herabminderung sowie zwischen den Theorien und wirklich gelebter Spiritualität und Integralität im Verhalten im Alltag bestehen oft Diskrepanzen.

Fazit: Mit den integralen Perspektiven von Ken Wilber zeichnet sich seit zwei Jahrzehnten ein Silberstreif am Horizont ab. Ein Bewusstseinswandel, der bis heute zwar nur wenige Menschen erreicht hat, aber für die kommenden Generationen ein Schritt in eine bessere Zukunft sein wird.

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