Pionier integraler Spiritualität

Vom New Ager zum Denker einer Integralen Vision

Die Realisation von GEWAHRSEIN liest sich bei Ken Wilber so:

"Ich sitze auf der Veranda und betrachte den Sonnenuntergang. Aber es gibt keinen Betrachter, nur die langsam versinkende Sonne. Aus reinster Leerheit leuchtet strahlende Klarheit. Der Gesang der Vögel dort drüben. Wolken, einige wenige, über mir. Aber es gibt kein »Über«, kein »Unter«, kein »Da« und kein »Drüben«, weil es kein »Ich« gibt, für das diese Richtungsangaben einen Sinn hätten. Es ist einfach Das. Schlichtes, klares, leichtes, müheloses, allgegenwärtiges Das.“

Ken Wilber wurde 1949 in Oklahoma City geboren. Er studierte Biochemie und kehrte dann der akademischen Laufbahn den Rücken. Er war einige Zeit Herausgeber der Zeitschrift ReVision, schrieb zahlreiche Artikel für Fachzeitschriften und ist heute Autor von über zwanzig Büchern, die zum Teil in bis zu zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Von seinen ersten Artikeln und Büchern an zieht sich ein roter Faden durch alle seine Veröffentlichungen: die Beachtung und Einbeziehung der höchsten Ebenen des Bewusstseins, die Dimension einer authentischen Spiritualität wie sie in den Weisheitstraditionen von Ost und West seit Jahrtausenden überliefert werden. Er interpretiert sie neu in einer modernen Sprache und bemüht sich darum, sie zum Gegenstand der psychologischen, philosophischen und spirituellen Forschung zu machen und ihre Vorteile für die Entwicklung des Menschen und der Gesellschaft zu nutzen.

Anfangs interessierte er sich für den Buddhismus, lehrte gelegentlich am Naropa-Institut in Boulder, Colorado/USA. Später entstand in seinem Haus in Boulder das „Integrale Institut“, an dem sich anfangs über 400 Forscher und Forscherinnen aus den verschiedensten Disziplinen (Wirtschaft, Politik, Psychologie, Medizin, Pädagogik, Recht, Religion, Ökologie usw.) beteiligten. Neben seiner intensiven Schreibtätigkeit praktiziert er seit über 40 Jahren intensiv Meditation.

In seinen ersten Büchern "Spektrum des Bewusstseins" (1977), "Das Atman Projekt" (1980), "Halbzeit der Evolution" (1981), "Die drei Augen der Erkenntnis" (1983) und "Wege zum Selbst" (1984) entwickelt er umfassende neue Modelle über die Evolution des menschlichen Bewusstseins und versucht dabei östliche und westliche Ansätze für Wachstum und Weisheit auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Dabei werden divergierende Ansichten auf einer höheren Verständnisebene deutlich gemacht, integriert und transformiert. Die New York Times bezeichnete ihn als "Einstein des Bewusstseins".

Für andere wurde er der führende New-Age-Denker, der von der Halbzeit der Evolution ausgeht und einen Sprung in ein neues Zeitalter wagt. In seinen Anfangsjahren nahm er auch rege an der Szene der Transpersonalen Psychologie teil, schrieb z.B. Artikel für das "Journal of Transpersonal Psychology".

In seinen weiteren Büchern entwickelt er seine integralen Perspektiven für Kultur, Kunst, Politik, Religion, Ökologie, Spiritualität, Psychologie und Therapie weiter, verifiziert und differenziert seine Thesen. "Eros, Kosmos, Logos "(1995) und "Das Wahre, Schöne, Gute" (1997) sind umfangreiche Werke. In "Eine kurze Geschichte des Kosmos " (1997) versucht er seine Thesen zusammenzufassen. In "Naturwissenschaft und Religion" (1998) versucht er Wissenschaft und Weisheit zu versöhnen, ein Thema, das schon zu Beginn seiner ersten Veröffentlichungen deutlich wurde und das ihm leidenschaftlich am Herzen lag. Bereits 1983 hatte er das weniger bekannte Buch "Der glaubende Mensch – Die Suche nach Transzendenz" geschrieben. 2001 folgte Integrale Psychologie , ein Entwurf integraler Perspektiven in der Psychologie. Tabellen zeigen Übersichten über die Stufen der Bewusstseinsentwicklung in den verschiedenen Kulturen und Zeitaltern.

Im gleichen Jahr wurde auch das Buch Ganzheitlich Handeln (2001) veröffentlicht, indem er von von seinen früheren Konzepten von persönlicher Bewusstseinsentwicklung und der Realisation von GEWAHRSEIN absieht und sein Augenmerk hauptsächlich auf die integrale Entwicklung des Kollektivs und das praktische Handeln im Alltag richtet:

„Bei den wichtigsten Reformen geht es nicht darum, wie man eine Handvoll Boomer in die Sekundärschicht bringt, sondern wie man die hungernden Millionen in den grundlegenden Wellen ernährt, wie man den heimatlosen Millionen auf den einfachsten Ebene ein Dach über dem Kopf beschert, wie man den Millionen Gesundheitsfürsorge angedeihen lässt, die sie nicht haben. Eine integrale Vision ist tatsächlich eines der am wenigsten dringlichen Probleme auf diesem Planeten.“ Oder: „Ich glaube, dass die wirklich notwendigen Revolutionen, die in der Welt von heute anstehen, nicht ein glorreicher kollektiver Sprung in transpersonale Domänen, sondern die einfachen fundamentalen Veränderungen sind, die in den magischen, mythischen und rationalen Wellen der Existenz erreicht werden können.“

2006 erschien sein Buch "Integrale Spiritualität – Spirituelle Intelligenz rettet die Welt". Darin definiert er sein Sicht von Spiritualität und vertritt die Meinung, dass die Religion als Förderband für die Entwicklung dienen solle. 2007 folgt eine kurze Geschichte der integralen Spiritualität – "Integrale Vision", in der er in Kurzform seine grundlegenden Modelle und die Kernmodule einer Integralen Lebenspraxis (ILP) präsentiert. 2017 legt er in einem weiteren umfangreichen Band seine Einsichten über die Zukunft von Religionen vor: "The Religion of Tomorrow". Das Buch enthält auch seine zuvor als E-Book (The Fourth Turning - Imagining the Evolution of a Integral Buddhism) erschienenen Gedanken zu einer Neubetrachtung integralen Spiritualität.


Seine wichtigsten Thesen

Für die Theorie und Praxis von GEWAHRSEIN hat Ken Wilber die wohl umfassendsten Modelle entwickelt, die grundlegend sind. Davon sind vor allem drei wichtig, die in seiner AQAL-Theorie (Alle Quadranten, alle Linien, alle Stufen) zusammengefasst sind:

  • 1. Ebenen der Bewusstseinsentwicklung und Bereiche von Bewusstseinszuständen
  • 2. Vier grundlegende Dimension des Lebens (Quadranten) in denen die Ebenen und Linien manifest sind
  • 3. Entwicklungslinien, die sich durch diese Ebenen ziehen


Die Bewusstseinsebenen Wilbers gehen ursprünglich auf Aurobiondo Ghose (1872 - 1950, bekannt durch seinen "Integralen Yoga"), Jean Gebser (1905 - 1973, bekannt durch sein Werk "Ursprung und Gegenwart") und Clare Graves (1914 - 1986, der sie für das Managment entwickelte) zurück. Sie wurde als "Meme" (kulturelle Informationsträger) auch in der Spiraldynamik von Don Beck und Chrisopher Cowen weiterentwickelt. Die Bewusstseinsebenen versteht Wilber als Evolutionsstufen des Geistes. Diese Entwicklungen verlaufen nicht linear. In der Geschichte der Menschheit gab und gibt es immer wieder Einbrüche und Umbrüche. Wir beobachten auch heute gleichzeitig sehr unterschiedliche Kulturen und Entwicklungen.

Der AQAL-Bezugsrahmen kann kollektiv wie individuell bezogen dargestellt werden. Innerhalb eines jeden Quadranten gibt es Entwicklungsstufen.

Es kann der Eindruck entstehen, dass Wilber GEWAHRSEIN, Erwachen, Erleuchtung, Befreiung als eine der höheren oder höchsten Stufen der Bewusstseinsentwicklung ansieht. Wegen der Präsenz von GEWAHRSEIN auf allen Entwicklungsstufen, und dessen Unabhängigkeit von Stufen überhaupt, ziehe ich es vor GEWAHRSEIN ins Zentrum der Quadranten zu setzen. Entwicklungsstufen sind Konstrukte und Perspektiven, die unter bestimmten Umständen und Zeiten in der Entwicklung der Menschheit entstanden sind.

Fazit: Ken Wilber hat mit seinen Modellen einen umfassenden Beitrag an der Bewusstseinsentwicklung des Menschen geleistet. Seine Thesen können die Grundlage für theoretische und praktische Diskussionen auf den verschiedensten Gebieten der Gegenwart sein und zur Lösung von Problemen beitragen.