Ein Pionier der Ultramystik

Auf der Suche nach übersinnlichen Erfahrungen und der Wahrheit

Paul Brunton, alias Raphael Hurst wurde 1898 in London geboren. Er trat schon in jungen Jahren der Theosophischen Gesellschaft bei und interessierte sich zunächst für die Geheimlehren der alten Ägypter und Praktiken der Yogis, Magier und Fakire in Indien. 1930 reiste er nach Indien, um dort auf die Suche zu gehen. Er traf dort viele Yogis, Magier und Fakire, aber auch einige Heilige und Weisen, z.B. Ramana Maharshi von Tiruvannamalai und Shankaracharya von Kanchi, Meister Mahasaya und Meher Baba. Über seine Erlebnisse schrieb er in seinem ersten Buch A search in Secret India , das 1934 erschien (in Deutsch erschien es 1937 unter dem Titel Yogis - Verborgene Weisheit Indiens und in einer Neuausgabe später unter Von Yogis, Magiern und Fakiren"). Kurze Zeit danach schrieb er The Secret Path (in Deutsch Der Weg nach innen). Durch beide Bücher machte er Ramana Maharshi im Westen bekannt und war damit ein Vermittler zwischen östlichem und westlichem Denken.

Im Jahr darauf reiste er durch Ägypten, um dort nach Geheimwissen, Magie und Spiritualität zu suchen. Er liess sich für eine Nacht in der grossen Pyramide von Gizeh einschliessen und spürte dort in Meditation den grossen Eingeweihten, geheimen Bruderschaften und dem versunkenen Atlantis nach. Er berichtet darüber in seinem damaligen Bestseller A search in Secret Egypt (in Deutsch Geheimnisvolles Ägypten) .

1935 reiste er wieder nach Indien und verbrachte den Winter über im Ashram von Ramana Maharshi. Dort schrieb er das Buch A Message from Arunachala. 1936 hoffte er in Pithapuram Venkataraman Naidu, Kopf der Brahmo Samaj-Sekte zu treffen und dessen Lehren und Praktiken zu studieren. Zu dieser Zeit hatte er Kontakt mit dem damaligen Maharadscha von Mysore, Sri Krishna Raja Wadiyar IV (1884 – 1940). In den Augen von Paul Brunton war dieser ein Philosophenkönig, vergleichbar dem König Janaka aus alter Zeit. Er stelle Paul Brunton im Himalaya einen Bungalow zur Verfügung, damit er in der Einsamkeit meditieren und schreiben konnte. Er arbeitete dort an einem Tagebuch, das 1937 unter dem Titel A Hermit in the Himalayas (Deutsch Als Einsiedler im Himalaya ) veröffentlicht wurde. Brunton nahm in Mysore an den Seminaren über die Philosophie des Vedanta von Subrahmanya Iyer teil. Dieser war der Guru des Maharadschas. Am 1. August 1937 sprach Iyer als Delegierter von Indien am 9. Internationalen Kongress für Philosophie an der Sorbonne in Paris. 1937 schrieb Paul Brunton seine Doktorarbeit Indian Philosophy and Modern Culture. Mit dem Ost-West-Dialog beschäftigt sich sein 1939 erschienenes Buch The Inner Reality, das auch unter dem Titel Discover Yourself erschien (Deutsch Entdecke Dich selbst). Darin werden u. a. Texte der Bhagavad Gita und des Johannesevangeliums interpretiert und allgemein der Frage nachgegangen: Was ist Gott?

Von Sicht zur Einsicht

Durch den Einfluss von Subrahmanya Iyer bekam Paul Brunton Impulse für seine Suche nach einer höheren Wahrheit und Weisheit in Indien. Er fand sie verborgen in einigen alten Texten (z.B. in einigen Upanishaden, in den Stanzen des Gaudapada, in der Asthavakra Gita, bei Vasubandhu) und bei einigen noch lebenden Weisen, die diese Texte verstanden hatten, interpretieren konnten und diese Lehre eines philosophischen Yogas der Einsicht in ihrem Alltag lebten.
Aus dieser Erkenntnis heraus wurde Bruntons Spiritualität tiefer und breiter. Seine Gedanken darüber schrieb in seinem Buch The Quest of the Overself nieder (1940 in Deutsch unter dem Titel Das Überselbst erschienen). Er zitiert darin eine Textstelle aus Tibet, die aus einer Biographie über den berühmtesten Yogi Milarepa (1040 - 1123) stammt: "Wenn ihr den geheimen Pfad betreten werdet, werdet ihr den kürzesten Weg gefunden haben." Seither unterschied Paul Brunton kürzere und längere Pfade und charakterisierte ihre Unterschiede. Das Überselbst ist ein Buch für die Praxis, da es zahlreiche Übungen enthält, die er empfiehl. Im ersten Teil ist es das Achtsamkeitstraining, das er aus der Lehre des Buddha entnommen hat: Eine Analyse des physischen Selbst, des emotionalen Selbst und des intellektuellen Selbst. Im 2. Teil befasst er sich mit der Wichtigkeit der Kultur höherer Gefühle, mit der Selbsterforschung und dem Mysterium des Atems, des Auges und des Herzens.

1938/1939 reiste er nach Japan, um den Zen-Buddhismus zu studieren und dann nach Siam, um den Theravada-Buddhismus kennenzulernen. Von dort aus reiste er nach Sri Lanka und Kambodscha. In Angkor Wat traf er einen hohen Lama der mongolischen Yaka-Kulgan-Schule. Die Metaphysik dieser Schule beeindruckte ihn und war Anlass für seine Theorie des Mentalismus und die Praxis ultramystischer Meditationen.

Im März 1939 weilte er wieder im Ashram von Ramana Maharshi, den er im April endgültig verliess. Er hatte Kritik an der Führung dieses Ashrams und glaubte aus seiner neuen Sicht des philosophischen Yogas, dass Ramana Maharshi ein mehr in sich selbst versunkener Mystiker sei. Brunton hatte auch entdeckte, dass die Meditationsformel "Wer bin ich?" schon in den Texten des grossen Weisen Vashistha zu finden ist, der mehrfach im Rg-Veda erwähnt wird. Brunton formte diese Formel in "Was bin ich?" um.

Von Tiruvannamalai reiste Brunton nach Mysore und verbrachte einige Monate mit Subrahmanya Iyer in den Nilgiri-Bergen. Der Kontakt mit Iyer waren seine besten Jahre, voller Inspiration und spiritueller Früchte. Er schrieb dort an seinem zweibändigen Werk, das die gesamte Ultramystik enthalten sollte. Der erste Band The Hidden Teaching Beyond Yoga (in Deutsch Die Philosophie der Wahrheit - Tiefster Grund des Yoga) erschien 1941, der zweite 1943 unter dem Titel The Wisdom of the Overself (Deutsch Die Weisheit des Überselbst).

Die Philosophie der Wahrheit und die Ultramystik

In diesen beiden Werken schreibt er nicht nur über seine Suche nach der Wahrheit, sondern definiert den Wahrheitsbegriff und stellt eine Lehre von den Standpunkten und der Wahrnehmungen als Konstrukte unseres Geistes auf, wie sie heute im Radikalen Konstruktivismus vertreten werden. Nur ist sein "Mentalismus" noch eine Metaphysik. Er schreibt, dass die alten Weisen ihren Erfolg der Realisation von GEWAHRSEIN nicht dem blinden Glauben, nicht ihren mystischen Versenkungen, nicht aus den Yogaübungen usw. verdanken, sondern ihres zielbewusst durchgeführten metaphysischen Denkens, das sie auf den Grund ihres Wesens führte. Zentraler Begriff ist darin auch das Überselbst, eine transpersonale Instanz, die in allen Wesen die gleiche ist. Betont wird aus dieser Sicht auch die Auflösung des Konfliktes zwischen Geist und Materie. Und aus dieser Einsicht resultiert nicht Weltflucht, wie bei den Mystikern und Yogis, sondern ein kreativ schöpferisches Leben:

"Es ist hier in dieser physischen Welt, die der Asket verachtet, der Materialist überschätzt und der Mystiker unterschätzt, dass der Mensch seine spirituelle Bestimmung zu erfüllen und seine höhere Individualität zu verwirklichen hat und nirgends sonst. Denn nur durch die Reife der Wachheit und ihren überragenden Beitrag kommt es, dass der Mensch allmählich fähig wird, sich seines Überselbst bewusst zu werden."

„...dass die Menschheit ihre vollste spirituelle Selbstverwirklichung nur erreichen kann, wenn sie sich dieser physischen Welt klar bewusst ist, das heisst, nur im Wachzustand.“

„Derart ist die ungeheure Wichtigkeit dieses irdischen Lebens, das einige Mystiker törichterweise als eine Illusion verneinen und viele Asketen albern als ein Übel verachten, dass hier die Vollendung unserer höchsten Bestimmung möglich wird. Denn hier kann das intellektuelle denkende Bewusstsein in seiner weitesten Ausdehnung wirken, wohingegen es während des tiefen Schlafes nicht einmal in Gang kommen kann. Unsere vertraute Beziehung mit der verborgenen Wirklichkeit des Geistes, unser Wissen von seiner beständigen Gegenwart kann hier sozusagen in das volle Tageslicht gerückt werden.“

„Wir müssen die Wahrheit über das Leben erfassen, während wir noch im Fleische weilen...: darum ist es, warum weder Traum noch Schlaf genügen werden, um die Bedingungen zu bieten, die für eine solche Verwirklichung angemessen sind. Der Geist des Himmels muss auf die Erde heruntersteigen und durch das Tor des Körpers eintreten und ein willkommen geheissener Gast sein, während wir völlig wach sind, nicht während wir träumen oder schlafen.“

“Die verborgene Lehre behauptet nachdrücklichst, dass der Zustand der Selbstversenkung nicht das höchste Ziel für die Menschheit ist, wie sehr auch die grosse Masse der Yogis das Gegenteil behaupten mag. Nur, wenn sie wacht, wird die Person vom Überselbst voll projiziert, wogegen, wenn sie träumt, nur teilweise, und wenn sie schläft, überhaupt nicht. Deshalb kann nur im vollerwachten Zustand und nicht in der Trance – die dem Traum oder Schlaf entspricht – der höhere Zweck ihrer Beschränkungen erkannt und das weiteste Bewusstsein der Wirklichkeit erreicht werden. Daher, obwohl er auf seinem Weg nach oben durch die Trance wird gehen müssen oder auch nicht, so muss sie der Schüler bestimmt nicht durchmachen, wenn er den Gipfel erreicht.“

Nach diesen umfassenden Werken über die Philosophie der Wahrheit und der Weisheit des Überselbst schrieb Paul Brunton zehn Jahre später einen Ergänzungsband über die spirituelle Krise des Menschen (The Spiritual Crisis of Man), der 1954 in Deutsch unter dem Titel Die geistige Krise des Menschen erschien.

Während der weiteren Jahrzehnte lebte Paul Brunton sehr zurückgezogen, reiste aber immer noch viel herum und lebte an verschiedenen Orten, zuletzt in der Schweiz in Lugano und in Bloney, oberhalb von Vevey am Genfersee.

1972 traf ich ihn erstmals persönlich in Zürich, dann später in Basel, Montreux und Lugano. Unsere Gespräche drehten sich meist um die kurzen und langen Pfade, um die Ultramystischen Übungen und um das permanente GEWAHRSEIN, das in der Sanskritliteratur als Turiya und Sahaja genannt und beschrieben wird. Entgegen den Behauptungen anderer Leute, wollte Paul Brunton nie ein Guru für andere sein und lehnte es strikte ab, dass sich eine Organisation um ihn bildet. Er starb 1981 in Vevey. Aus seinen unfangreichen Notizen wurden dann posthum in 16 Bänden seine Aufzeichnungen als Notebooks veröffentlicht, von denen einige auszugsweise auch als Einzelbände in Deutsch erschienen sind. Ich verdanke diesem Pionier der Ultramystik schon seit meinem 17. Lebensjahr die Kenntnis dieser Dimension des menschlichen Wesens.

Fazit: Paul Brunton war ein Pionier, der die höchste Philosophie Indiens im Westen bekannt machte.
Er selbst bezeugte die dauerhafte Realisation von GEWAHRSEIN als unwiderlegbare menschliche Erfahrung und fasste sie in der Ultramysik zusammen.