Der Weg zum Licht


Die Aufzählung der "Etwasheiten"

Die Samkhya-Philosophie ist die wahrscheinlich älteste Quelle spirituellen Wissens, die sich nicht auf Legenden, Mythen und einer religiösen Gottesvorstellung stützt. Sie gründet sich auf die Realität und geht davon aus, die Wirklichkeit durch Beobachtung und Wahrnehmung zu erfassen. Sie nimmt die sich darbietenden Phänomene und verfolgt sie in einer Tiefenschau von den höchsten zu den niedrigsten Prinzipien, die in dieser Philosophie "Etwasheiten" oder "Dasheiten" (Tattwas) genannt werden und in einer absteigenden Reihenfolge aufgezählt werden. So gab diese Methode der Aufzählung (samkhya = die Zahl) dieser Philosophie den Namen. Und die Lehrer und Schüler wurden als "Aufzähler" (Samkhya-Yogins) bezeichnet. Die aufgezählten Prinzipien der Schöpfung sind in der klassischen Version des Philosophen Kapila 25, in den späteren, weiter entwickelten und erweiterten Lehre aus dem Tantrischen Yoga sind es 36. Das Wort Tattwa setzt sich aus den zwei Silben tat (= das) und tva (= heit) zusammen. In der westlichen Esoterik ist Tattwa vielfach als Schwingungen der Schöpfung oder feinstoffliche Lebensenergien übersetzt worden.

Geschichtlich soll ursprünglich Kapila der Autor des Textes (Samkhya Karika) sein, kurze, knappe Verse in Sanskrit, die wahrscheinlich nur aufgezeichnete Merksprüche einer mündlich überlieferten Lehre sind. Über Kapila weiss man nur wenig. Er soll um 800 v. Chr. gelebt haben. Die Begriffe, die in den Versen genannt werden ,bedürfen der näheren Erklärung und Interpretation durch Lehrer oder sie waren den Schülern in ihrer Bedeutung aus den Veden und Upanishaden bekannt. Später wurde der Text von Ishvarakrishna (425 - 350 v. Chr.) in die heute bekannte Form gebracht. Ich verdanke hauptsächlich Oscar Marcel Hinze (1931 - 2008), dem Begründer der "Akademie für Phänomenologie und Ganzheitswissenschaft" die Interpretation der Samkhya-Philosophie, die er in Büchern und Seminaren weitergegeben hat. Die hier zitierten Verse habe ich zusammen mit Wilfried Huchzermeyer aus dem Sanskrit neu übersetzt und in einem Buch nebst eigenne Kommentaren publiziert.

In der epischen Epoche des alten Indiens (1400 - 1000 v. Chr.) haben in Nordindien, im Tal des Ganges und südlich von Nepal zahlreiche Königreiche existiert, die "Philosophenkönige" hatten. Kuru, Panchala, Kosala und Videha waren die bedeutendsten Zentren. Es fanden zu jener Zeit regelmässig philosophische Konferenzen statt, wozu die grossen Gelehrten der Königreiche eingeladen waren. Der in den alten Schriften oft genannte König Janaka , der in Videha herrschte, soll zwischen 1410 - 1400 v. Chr. eine solche Konferenz durchgeführt haben.

Es ist umstritten, ob Kapila aus Kapilavasthu stammt, einer Stadt in der auch 538 v. Chr. Siddhartha Gautama Buddha geboren wurde. Es wird vermutet, dass er sich nach seinem Aufenthalt bei den Waldeinsiedlern und Yogis der Philosophie zuwandte und einen Samkhyayogin als Lehrer hatte. Somit erklärt sich, dass es eine direkte Linie vom Samkhya zu Buddhas Lehre gibt. Beide Systeme gehen von der Befreiung vom Leiden aus und haben das Ziel, das wahre Menschsein (Purusha oder besser GEWAHRSEIN) zu realisieren, was nichts anderes ist als zur Wirklichkeit zu erwachen. Die Fundamente der Philosophie soll Kapila von seiner Mutter erlernt haben, sein Vater soll der Rishi Kardama gewesen sein. Die Samkhya-Philosophie richtete sich gegen die Herrschaft der brahmanischen Priester, die mit ihren Ritualen, Zeremonien und mythischen Glaubenssätzen noch die alten vedischen Traditionen pflegten. Die Samkhya-Philosophen waren hingegen rationale Denker, und das System des Samkhya eine prä-rationale, atheistische Weltanschauung, die den Glauben an die Götter (und damit jeglichen Theismus) verwarf. Das macht Samkhya auch heute noch aktuell, vor allem auch in der indischen Philosophie.

Yoga und Samkhya haben lange Zeit gleichzeitig existiert. Yoga war für die Kriegerkaste, Samkhya für die Gelehrten. Yoga war Praxis, Samkhya die Theorie. Beide Systeme ergänzen sich hervorragend und sind auch in der Bhagavad Gita, der Heiligen Schrift der Inder, ein integraler Bestandteil.


Die Kernaussage und das System der Sattwas in der Überschau

Bereits der erste und zweite Vers der Merksprüche enthält Kritik und Zweifel an den Methoden der alten Veden und die ausübenden Priester und Medizinmänner:

Vers 1: Der Schmerz durch das dreifache Leid führt zur Erforschung der Mittel, die das Leid beseitigen. Wenn gesagt wird, eine solche Erforschung sei überflüssig, weil ja schon sichtbare und bekannte Mittel existieren, weisen wir diesen Einwand zurück, da jene Mittel keine letztendliche Abhilfe schaffen.

Vers 2: Die traditionellen vedischen Mittel der Praxis gleichen den sichtbaren und bekannten Mitteln und bringen Unreinheit, Zerstörung und Exzess mit sich. Eine höhere Methode, die sich von beiden unterscheidet ist die Erkenntnis des Entfalteten, Nichtentfalteten und des Wissenden.

Dieser letzte Satz ist die Kernaussage der Samkhya-Philosophie. Sie bedeutet, zwischen drei grossen Prinzipien zu unterscheiden, die jeder Mensch für sich selbst machen kann: 1. Die beobachtbaren Phänomene der Wahrnehmung (vyakta prakriti), 2 . Die Potentiale der noch nicht zur Erscheinung gekommenen Phänomene (avyaka prakriti) und 3. Das Prinzip des GEWAHRSEINS (purusha), ohne das wir kein Bewusstsein von den Phänomenen hätten.

Der Begriff prakriti lässt sich mit "Urmaterie" übersetzen, bedeutet aber mehr als nur unser Materiebegriff. Er ist heute eher vergleichbar mit den Quanten der modernen Physik, die aus dem Quantenvakuum (avyaka prakriti) je nach Betrachtung eines Beobachters (purusha) als Welle oder Teilchen erscheinen können (vyakta prakriti).

Es handelt sich bei der Samkhya-Philosophie also nicht um einen Dualismus von Geist und Materie, wie man es häufig vor allem in westlichen Lehrbüchern der Philosophiegeschichte Indiens liest. Im Samkhya wird von einer ursprünglichen Einheit von GEWAHRSEIN und Urmaterie ausgegangen, Purusha und Prakriti, die zwar zu unterscheiden sind, die aber nicht getrennt sind. Es ist so wie bei den Quanten, die einen Welle- oder Teilchencharakter haben. Auch eine Münze oder Medaille hat zwei Seiten, die aber nicht wirklich getrennt, sondern nur unterschieden werden können. In der westlichen Wissenschaft wurde das Prinzip des GEWAHRSEINS (purusha) noch nicht erkannt, alle Wissenschaft ist heute auf der 2. Seite der Münze angesiedelt, im Naturalismus und Materialismus (vyakta prakriti).

Die nachfolgenden Tattwas, die alle in der Urmaterie wurzeln, zeugen von der Erkenntnis des Wahrnehmungsorgans (antahkarana) , wie es nicht besser dargestellt werden könnte. Es wird von der heutigen Psychologie als ein Konstrukt, ein Ich/Selbstmodell erkannt. Das entspricht dem "Ich-Macher" (ahamkara). Ferner ist das emotionale Gehirn mit dem limbischen System heute erforscht, das im Samkhya das System des Gemüts oder der Psyche ist (manas). Es arbeitet weitgehend unbewusst und ist nur an den Emotionen, Empfindungen, Trieb- und Willensregungen erkennbar..

Im Samkhya wird auch eine hohe Ethik begründet, es gibt einen Weg "hinauf" und "hinab", Wege die zu einem guten Leben führen oder einem leidvollen. Dem Wissen und der Erkenntnis (jnana) wird der höchste Wert zugemessen. Insofern sind diese Merksprüche auch eine Form von Jnana-Yoga. Die Realisation von GEWAHRSEIN oder die Befreiung durch Erkenntnis wird in Vers 44 gegeben: "Durch Unrechtschaffenheit führt der Weg hinab, durch Rechtschaffenheit hinauf. Durch Erkenntnis erfolgt Befreiung, durch Unwissenheit Bindung."

Das kosmische Spiel zwischen Purusha und Prakriti wird so lange unerkannt, unwissentlich oder unbewusst gepielt, bis die Befreiung erreicht wird. Purusha und Prakriti werden auf bildlichen Darstellungen häufig symbolhaft als männliches und weibliches Prinzip gezeigt, z. B. als die Sonne und eine verführerische Frau (siehe Titelbild der Samkhya Karika). Die Realisation oder Bewusstwerdung wird deshalb in Vers 57 poetisch und symbolisch wie folgt formuliert: "Ich habe sie gesehen", sagt sich Purusha und wird gleichgültig wie ein Zuschauer am Ende eines Schauspiels. "Ich wurde gesehen", sagt sich Prakriti und hört mit ihrer Darbietung auf.

Fazit: Samkhya ist eine frühindische, rational begründete Philosophie, die das Wissen von GEWAHRSEIN und die Welt der Erscheinungen klassifiziert. Auch wenn es Merksprüche sind, so war Samkhya auch jeher eine Praxis der Selbsterkenntnis und der ethischen Verhaltensweisen.

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