Ziel des Yoga: GEWAHRSEIN


Yoga in der indischen Frühgeschichte

Die Anfänge der Yogapraxis und Yogaphilosophie liegen weitgehend im Dunklen. Sie scheinen aus der Zeit der Induskultur zu stammen (ca. 2800 - 1800 v. Chr.). In dem Gebiet des Indusflusses, dem heutigen Pakistan zugehörig, vollzog sich bereits um 8000 v.Chr. der Übergang von den Jägern und Sammlern zu den Bauern und Viehzüchtern. Ab 5500 v. Chr. kannten sie die Töpferkunst, um 3000 v. Chr. lernten sie in der Bronzezeit Metall zu verarbeiten. Um 2600 v. Chr. wandelten sich die Dörfer zu Städte. So z.B. in Harappa und Mohenjo-Daro. Aus dieser Zeit sind Siegel aus Steatit gefunden worden, die Schriftzeichen, Tiere und Menschen zeigen. Die Schrift ist bis heute nicht entziffert, deshalb wird über die Darstellungen bis heute spekuliert. Unter den vielen Siegeln sind vor allem sechs interessant, weil sie vermutlich auf die Praxis des Yoga hinweisen. Sie zeigen eine Gestalt in Sitzhaltung, wie man sie vom klassischen Yoga her kennt (Mulabandhasana). Manche Forscher interpretieren diese Gestalt als die Gottheit Shiva, der Herrscher über die Tiere war und auch "grosser Yogameister" genannt wurde. Die dreigeteilte Haartracht kann als "Dreizack" gedeutet werden, der Shivas Waffe war. Es kann sich aber auch um eine gehörnte Gottheit handeln, die typisch wäre für die tierkreiszeitliche Entsprechung für den Stier oder dem Prinzip der Schöpfung im Symbol der Urziege (aja) .

Auch Skulpturen aus Ton, Stein und Bronze sind gefunden worden. Eine Büste zeigt z.B. vermutlich einen Priesterkönig mit einem Kopfschmuck, der das Stirnauge oder Energiezentrum (ajna chakra) betont, auf das sich die Yogis u. a. konzentrieren. Ziel des Yoga ist es, den herumirrenden Geist, die Gedanken, Gefühle und Empfindungen, zu konzentrieren und den Körper durch Askese zu stärken. Das Wort yoga bedeutet "anjochen", den Geist festbinden, wie man einen Ochsen mit einem Strick anbindet. Yoga war zudem eine Methode, um der Tragik des menschlichen Daseins und Wirkens zu begegnen, Körper, Seele und Geist zu stärken, wie er heute vor allem auch im Westen verstanden und geübt wird. Innerhalb des Kastenwesens in Indien war Yoga eine Praxis für die Krieger, die Samkhya-Philosophie hingegen für die Oberschicht der brahmanischen Priester.

Nach dem Untergang der Induskultur um 1800 v. Chr. begann die Zeit der vedischen Kultur. Veda bedeutet "Wissen", das zunächst nur mündlich von den Weisen und Yogis (rishis) überliefert wurde. Zwischen 1200 - 500 v. Chr. entstanden die Sammlungen von Texten, zunächst die ältesten mit den Hymnen des Rg-Veda, den Liedern und Opfergesängen. Dann folgten die Brahmanas (Ritualtexte) und Waldtexte (Aranyakas). Zwischen 700 - 500 v. Chr. entstanden die Upanishaden, die für die Entwicklung des philosophischen Yoga von besonderer Bedeutung sind. Noch später entstanden die Agamas und Texte des Tantra, von denen der Kundalini-Yoga als Praxis auch im Westen besonders bekannt geworden ist. Im Kundalini-Yoga wird die "Schlangenkraft" (shakti) aktiviert und die Lebensenergie (prana) durch die Energiezentren entlang der Wirbelsäule bis zum Scheitelpunkt geführt. Die tantrischen Texte sind eng mit der Vorstellung der Entsprechung vom Menschen als Mikrokosmos innerhalb des Makrokosmos verbunden und die Energiezentren sind ein Abbild des Sonnensystems mit den Himmelslichtern Sonne, Mond und Planeten, die zusammen die sieben Chakren ausmachen. Die aufrechte Wirbelsäule in der klassischen Yogahaltung wird mit der grossen Weltachse korrespondierend verstanden. Sonne und Mond, ha und tha, werden zu den männlichen und weiblichen Kräften im Hatha-Yoga.

Die Yogaphilosophie in den Upanishaden und dem Yogasutra

Ausser den kosmologischen Vorstellungen im Tantrischen Yoga finden sich im Klassischen Yoga weitere Grundelemente, die auf Texte der Upanishaden zurückgeführt werden können. Das Wort upaniṣhad bedeutet "sich in der Nähe niedersetzen". Dies zum Zweck, dass man sich zu Füßen eines Lehrers (Guru) setzt, um belehrt zu werden. War am Anfang der Schöpfung noch ein schöpferisches Prinzip oder eine Weltgeist, Brahman, so wurde dieses später zu Atman. So heisst es in der Brhadaranyaka-Upanishad: "Im Anfang war allein der Atman, er war wie ein Mensch. Sein erstes Wort war: Das bin ich selbst (atman). Daher erhielt er den Namen Atman. Man nannte ihn auch Purusha ("Mann", "Mensch", "Geist"). Der Indologe J. W. Hauer hat purusha mit "Mensch im Menschen" übersetzt und kommt damit dem modernen Begriff eines Selbst oder Zeugen nah. Der Begriff Atman weist in seiner Bedeutung auch auf den Atem hin, den "Hauch". Im Yoga werden verschiedenen Atemtechniken angewendet, um die Energie zu bündeln und den Geist zu konzentrieren. Der Atem ist mit der Lebensenergie, dem Prana verbunden. Auch der westliche Seelenbegriff bedeutet "Hauch", denn das Wort Psyche kommt aus dem Griechischen und bedeutet dort "Hauch", "Atem" und "Seele".

Der Klassische Yoga wird heute vor allem auf den indischen Gelehrten Patanjali zurückgeführt, dem Verfasser des Yogasutra, ein Sammlung von Leitsprüchen für die Praxis des Yoga (patanjalayogasutram). Über sein Leben ist nur wenig bekannt. Er soll irgendwann zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und dem 4. Jahrhundert n. Chr. gelebt haben. In der indischen Kunst wird er als ein Mischwesen aus Schlange und Mensch dargestellt, was wieder an die Schlangenkraft aus der magisch-mythischen Zeit erinnert. Bereits in den Anfangsversen von Patanjali wird Yoga definiert und eindeutig sein Ziel bestimmt (Übersetzung von J.W. Hauer):

I,1: Dies ist eine Unterweisung über den Yoga

I,2: Der Yoga ist das Zur-Ruhebringen (oder die Bewältigung) der Bewegungen der inneren Welt.

I,3: Dann tritt der Seher (Purusha) in seiner selbsteigenen Wesensform heraus.

I,4: Sonst ist er in einem Zustand, der den Bewegungen (der seelischen Welt) konform ist.

Das ist klar und einfach. Und wir können daraus erkennen, dass es das Ziel des Yoga war, und auch heute noch in manchen Schulen ist, durch Konzentration des Geistes das Gemüt zu beruhigen, die Sinnestätigkeiten zurückzunehmen (I,2) und einfach nur zu realisieren, dass es in uns GEWAHRSEIN gibt, das unseren inneren oder wahren Menschen ausmacht (I,3). Gewöhnlich bleibt uns das durch die ständigen Bewegungen des Geistes und der Sinne verborgen, da sie die Aufmerksamkeit auf die eigenen und weltlichen Angelegenheiten lenken (I,4).

Damit war die Geistesvertiefung (Meditation, Kontemplation) als Praxis zur Realisation des Selbst, Purusha oder GEWAHRSEIN geboren. Die Kontemplations- und Meditationspraktiken wurden in der Folge auch in anderen Geistesströmungen und Kulturen übernommen und breiteten sich später auch im Westen aus. Im Sutra des Patanjali ist der "Achtfache Yogapfad" (Astanga-Yoga) ein Bestandteil, der auch bei uns heute immer noch gelehrt wird.

Yogapraktiken im Buddhismus und Yoga auf dem Weg in den Westen.

Der um 500 v. Chr. lebende Siddhartha Gautama, der spätere Buddha, hatte sich auf seiner Suche nach der Wahrheit den Waldeinsiedlern, Fakiren und Yogis angeschlossen und erlernte ihre Praktiken. Nach seiner Erleuchtungserfahrung lehrte er den Achtfachen Pfad , in dem einige dieser Praktiken der Kontemplation, Achtsamkeit und Geistesvertiefung (samadhi) enthalten sind. Das Sitzen in Meditation mit aufrechter Körperhaltung und Achtsamkeit auf die Atmung setzte sich über verschiedene Schulen des Buddhismus bis in die Zen-Tradition fort.

Bei seinem Feldzug in Nordwestindien (327 - 525 v. Chr.) stiess Alexander der Grosse und seine Leute auf die "nackten Philosophen", die von den Griechen Gymnosophisten genannt wurden. Dabei handelte es sich vermutlich um jainistische Yogis. Seither wuchs das Interesse an der indischen Philosophie und ihre Praktiken. In den hellenistischen Weisheitsschulen wurden auch Meditationsübungen praktiziert und fanden dadurch Eingang in den Neuplatonismus, in die Mystik des Judentums (Kabbala), Islams (z.B. Al Biruni (973 - 1048) und in die christlichen und sufischen Traditionen.

Die Mystiker und Mystikerinnen des Mittelalters, die die Kontemplation pflegten, wurden aber auch vielfach von der Obrigkeit verfolgt. Generell war die Mystik jedoch religiös orientiert und ist es bis heute immer noch. Fest verankert in den Dogmen ihrer Religionen, z.B. der Trennung von Mensch und Gott, Schöpfer und Schöpfung, blieben und bleiben sie im Spannungsfeld des Dualismus. Aus dieser Sicht müssen die mystischen Bemühungen zwangsläufig scheitern. Hier ist ein Umdenken durch eine Integrale Spiritualität erforderlich.

Im frühen Christentum gab es die Gnostiker, die durch Gnosis (Weg des Wissens und der Erkenntnis) eine visionäre Schau Gottes und der übersinnlichen Dinge zu erreichen suchten. Auch sie wurden wie die meisten Mystiker bekämpft.

Der Tiefenpsychologe C. G. Jung (1875 - 1961) begann sich für Yoga und das indische Denken zu interessieren. Er sah in der Alchemie des Mittelalters einen westlichen Yoga-Weg, weil sie Elemente enthält, die es auch im Tantrischen Yoga gibt.

Nur wenige Menschen wissen, dass im Yoga eine hohe Philosophie verborgen ist. Yoga allein zur Körperertüchtigung zu betreiben wurde schon im frühen Indien kritisiert. Yoga muss mit Wissen und Erkenntnis kombiniert werden. Davon handelt schon die Samkhya-Philosophie. Auch die Ashtavakra Gita (entstanden 600 - 400 v. Chr.) ist ein Text, der diese Kritik enthält. Im "Yoga des Wissens" (Jnana-Yoga) wird dieses Thema ebenfalls behandelt und stützt sich dabei auf zentrale Thesen der Upanishaden und des Advaita-Vedanta, der Lehre von der Nichtzweiheit. Der tiefste Grund des Yoga liegt in der allasiatischen Philosophie der Wahrheit, der Realisation von GEWAHRSEIN. Diese geht über die Mystik hinaus und wurde von Paul Brunton (1889 - 1981) "Yoga des einsichtigen Geistes" genannt und in seiner Ultramystik in Theorie und Praxis zusammengefasst.

Fazit: Yoga hat eine lange Geschichte hinter sich und ist in der Essenz eine Theorie und Praxis zur Realisation von GEWAHRSEIN. Wenn die Stille des Geistes präsent ist, "tritt der Seher in seiner selbsteigenen Wesensform heraus". Diese Erfahrung kann nur permanent realisiert werden, wenn sie mit Wissen und Erkenntnis verbunden wird und sich im täglichen kreativ-schöpferischen Handeln bewährt.