Der 1. Pfeiler: Erkenntnis


Der erste Pfeiler zur Realisation: Rechtes Wissen - Rechte Erkenntnis

Sie können am Meeresstrand stehen und die Schönheit des Sonnenuntergangs betrachten. Oder ein angenehmes Gefühl haben, wenn das von den Wellen bewegte Wasser mit dem feinen Sand um Ihre Füsse streicht. Sie können sich auf die Suche nach Muscheln machen und ihre verschiedenen Formen und Farben bestaunen. Als Zoologe können Sie die Muscheln vielleicht sogar nach ihren Arten und Unterarten bestimmen. Sie können ein Sandkorn unters Mikroskop legen oder mit einem Elektronenmikroskop die Struktur der Atome sichtbar machen. Im Teilchenbeschleuniger CERN die subatomaren Teilchen flitzen lassen, um auch noch das letzte Geheimnis der Materien zu lösen. Welches Wissen ist aber für Ihr Leben wirklich wichtig und nützlich? Das ist abhängig von Ihren Interessen, Ihrer Arbeit, Ihrem Weltbild. Im Zusammenhang mit dem Leben, mit dem Menschsein, für das friedliche Zusammenleben mit anderen ist etwas anderes wirklich wichtig und wissenswert: GEWAHRSEIN. Es ist sogar von höchster Wichtigkeit! Und weil es so wichtig ist, gehört es, wie vieles andere Wissen auch, unbedingt zur Allgemeinbildung des Menschen.

In der Geschichte der Wissenstraditionen und der Spiritualität führt die bisher älteste Darstellung von der Bedeutung von GEWAHRSEIN in das frühe Indien. Vor etwa 3'500 Jahren entwickelte sich dort die Samkhya-Philosophie. In den Versen des legendären Weisen Kapila wurde diese später zusammengefasst. Bereits in den ersten Versen wird ausgeführt, wie wichtig Wissen und Erkenntnis ist und dass die Unterscheidung von drei Prinzipien von Unwissenheit und Leiden befreit: GEWAHRSEIN (Purusha - Prinzip), das entfaltete Gewahrte (die Erscheinungen und Phänomene des Bewussteins) und das noch zu Entfaltende (das als Potential noch zu den Möglichkeiten gehört) .

Es gab also schon früh einen Erkenntnisweg, der dem noch viel älteren Yoga, der hauptsächlich für die Kriegerkaste entwickelt wurde, parallel zur Seite gestellt war. Das Wissen wird im Sanskrit vidya genannt. "Rechtes Wissen" war jenes, das die Unwissenheit (avidya) aufzuheben vermag. Die Unterscheidungsfähigkeit wird im Sanskrit buddhi genannt ("hell und klar sehen", "verstehen") und das "rechte" oder "wahre" Wissen je nach Schreibweise jhana oder jnana. Als Schulungswege gibt es in Indien deshalb auch Vidya-Yoga, Buddhi-Yoga und Jhana-Yoga. Jhana ist auch eine Neigung oder Eigenschaft der acht bhavas, Dispositionen oder Anlagen des Menschen, die sein Verhalten bestimmen. Nur durch Jhana, dem Erkenntnisprinzip, erfolgt nach diesem Text die Realisation oder das Erwachen. Nicht durch Meditation oder gute Werke.

In der Lehre Buddhas ist das "Rechte Wissen" die erste Disziplin des Achtfachen Pfades, weil sie die grundlegende Unwissenheit aufhebt, die von den drei genannten grossen Irrtümern oder Hindernissen bedingt ist. Es geht also bei dieser Erkenntnis nicht um Wissen im herkömmlichen Sinne, also Fakten, Informationen oder im Gedächtnis gespeicherte Daten zu kennen, die man abfragen kann. Vidya oder Jhana zielt auf Selbsterkenntnis und Wahrheit, auf eine Durchdringung des ganzen Seins und der Welt. Es ist eine wahrhaftige Bildung, denn nicht nur die humanistischen Bildungsideale sind darin verkörpert, sondern eine geistige Bildung, die weit darüber hinausgeht. Mit diesem Wissen ist die Selbsterkenntnis verbunden, die zur Befreiung und Erleuchtung führt, zum Erwachen in die wahre Seinsweise des Menschen. Aus ihr erwächst die Erfüllung des Lebens, Glück und Zufriedenheit, die Ruhe des Geistes und ein gelassenes kreatives Handeln aus der Mitte des Seins.

Im indischen Yoga wurde die Askese und Übung des Körpers zu sehr betont. Die Geistesversenkungen durch Meditation und Kontemplation führten oft zu einer völligen Entleerung des Bewusstseins von allen Inhalten. Diese Art Trance wurde samadhi genannt, da es ein Resultat der Murmelgesänge der Samanas, der Waldeinsiedler war. Diese hatten nicht erkannt, dass es sich dabei lediglich um Zustände des Bewusstseins handelt und diese deshalb nicht zu einer endgültigen Befreiung führen können. Siddhartha Gautama, der spätere Buddha, hatte unter diesen Yogis viele Jahre in den Wäldern gelebt. Und die ersehnte Befreiung nicht gefunden. So verliess er die Wälder und zog sich ganz zur Selbsterkenntnis allein zurück. Er besann sich offenbar auch der philosophischen Lehren, die er in seiner Heimatstadt Kapilavastu gehört hatte, dem Ort des Wirkens des grossen Weisen Kapila, der die Samkhyaverse verfasst hatte. So kam Buddha wohl zum Erwachen durch tiefe Erkenntnis, zum Verstehen seiner selbst und der Entstehung der Wahrnehmungen.

Die Übertreibung von Meditation und Yoga führte meist nicht zur gewünschten Befreiung und Erleuchtung. Und so gab es bald auch ketzerische Gegenbewegungen, die lehrten, dass zur Realisation von GEWAHRSEIN die Erkenntnis alleine ausreicht. "Meditiere nicht, halte Deinen Geist in seinem natürlichen Gewahrsein!", ist z.B. eine Aufforderung aus jener Bewegung. Die Stanzen des Gaudapada (aus dem 8. Jh. v. Chr.) und die Ashtavakra Gita aus der Zeit des König Janaka (1400 v. Chr.) sind Zeugnisse für die Existenz des Jhana- und Sahaja-Yogas der Erkenntnis. Ashtavakra riet dem König Janaka alle äussere Übung aufzugeben und allein die Erkenntnisschau für die Verwirklichung anzuwenden. Meditation sei nur Zeitverschwendung.

Um Erkenntnis zu erlangen, bedarf man des tiefen Nachdenkens und Konzentration auf das Wesentliche, bedarf man der Ruhe und Zurückgezogenheit. Philosophische Erkenntnis ist deshalb in gewisser Weise auch eine Form von Meditation oder Kontemplation, weshalb die Grenzen nicht so eng zu ziehen sind. Der Unterschied zu den Meditationen der spirituellen Traditionen ist hauptsächlich der, dass sich die Aufmerksamkeit nicht auf bestimmte Meditationsobjekte richtet, sondern auf GEWAHRSEIN selbst. Die Traditionen unterstützen mit der Ausrichtung des Geistes auf Meditationsobjekte - Mantren (heiligen Lauten oder Symbolen), Körperzentren (Chakren), Heiligenbildern, heiligen Statuen und Reliquien, Naturobjekten und Imaginationen (z.B. in die Leiden Christi) - den Dualismus. So kann sich die gesuchte ALL-EINHEIT nicht wirklich entwickeln. Ebenso ist die Entleerung von allen Inhalten des Bewusstseins, wie z.b. im Samadhi, nicht der Weg für eine volle Realisation.

Zu erwähnen ist noch, dass in Indien aus einer Synthese von Yoga, Samkhya und Advaitavedanta der Integrale Nondualismus des Vijnanabhikshu (um ca. 1400 n. Chr.) entstand. Shankara (788 - 820) stellte mit seiner Schrift "Das Kleinod der Unterscheidung" ebenfalls Jnana als beste Methode der Befreiung vor. Aus dem Wort Jnana oder Gnana ist vermutlich auch das Wort Gnosis (Erkenntnis) und Kognition (co-gnosis) abgeleitet.

Auch die Philosophie des Zen enthält den Erkenntnisweg als notwendige Ergänzung zum reinen Sitzen in Meditation. Shinichi Hisamatsu war ein solcher Vertreter einer integralen Schulung, die auch das Wissen und die Einsicht einschliesst.

Am Ende des letzten Jahrhunderts fasste der englische Reiseschriftsteller Paul Brunton (1898 - 1981), der einige Zeit Schüler von Ramana Maharshi war und seine Lehre im Westen bekannt machte, seine Suche in Indien zusammen und schildert in seinem Buch Die Philosophie der Wahrheit - tiefster Grund des Yoga wie er auf den Philosophischen Yoga aufmerksam wurde. Die traditionellen Lehren gehören zum "Langen Pfad". Der Weg der Erkenntnis und der philosophische Yoga der Einsicht hingegen zum "Kurzen Pfad" der Realisation von GEWAHRSEIN. Weil diese Erkenntnis und Realisation über die Mystik hinaus geht, nannte er diese Lehre Ultramystik.

Fazit: Rechtes Wissen ist eine notwendige Disziplin, um die Wahrheit zu erkennen und Irrtümer auszuschliessen. Es ist die Anwendung der Vernunft und des unpersönlichen Denkens.

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